Christine Buchholz über den digitalen Spieleabend

Dienstag, 23. März 2021
Das Studium an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg wird seit einem Jahr von der Online-Lehre dominiert. Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass auf dem Campus kaum noch Studierende zu sehen sind. Zum Wintersemester 2020/21 sollte wieder mehr Präsenz möglich sein, doch musste der Studienbetrieb dann doch wieder auf virtuelle Formate umgestellt werden. Ein Studium ist online möglich, aber wie lernt man sich ohne Präsenz kennen? Der digitale Spieleabend des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften in Rheinbach möchte Studierende außerhalb der Lehrveranstaltungen zusammenbringen. Wie das funktioniert, berichtet Prof. Dr. Christine Buchholz, die das Angebot mit Constanze Eick initiiert hat.
Professorin Christine Buchholz am Campus Rheinbach.
Prof. Dr. Christine Buchholz am Campus in Rheinbach. Foto: Eva Tritschler

H-BRS: Demnächst startet das dritte Corona-Semester, die Lehre spielt sich nur am Bildschirm ab. Wie empfinden Sie das als Professorin?

Christine Buchholz: Meine ganze Lehrhaltung wird ad absurdum geführt. Von meinem eigenen Selbstverständnis her spreche ich nicht zu den Studierenden, sondern mit den Studierenden. Dieser Ansatz ist ein Kernelement auch unserer Hochschule. Wir haben einen engen Bezug zueinander. Genau das geht aber verloren, wenn man sich nicht im Hörsaal sieht.

H-BRS: Viele Lehrende berichten, dass sie bei den Online-Lehrveranstaltungen nur noch auf schwarze Kacheln blicken, weil die Studierenden die Kamera ausgeschaltet haben. Wie sehen Sie das?

Buchholz: Das ist so, ich möchte es aber nicht bewerten. Wer seine Kamera einschaltet, gibt schließlich Einblick in seine Privatsphäre. Ich respektiere es, wenn das jemand nicht möchte. Die Lehre läuft meist nur in einer Richtung, selbst wenn Studierende in digitalen Veranstaltungen zum Beispiel Fragen über die Chatfunktion stellen. Was grundsätzlich – mit oder ohne Kamera – fehlt, ist die Interaktion: Wenn ich eine Lehrveranstaltung in Präsenz abhalte, dann präge ich mir Gesichter und Namen ein. Ich merke an Blicken oder scharrenden Füßen, ob jemand Statistik versteht oder nicht. Daraus entsteht eine Dynamik, die online nicht reproduzierbar ist – schon gar nicht bei Großveranstaltungen von mehr als 80 Studierenden, wie ich sie halte. Es ist in meinen Augen aber noch mehr verloren gegangen: das Kennenlernen anderer Lebenswelten. Als Hochschule sind wir ein Ort, der zur Überwindung sozialer Unterschiede beiträgt. Da sitzen die Studierenden, die von ihren Eltern gepusht werden und wie selbstverständlich studieren, neben dem Kommilitonen aus Syrien, der sich durch das Studium einen Lebenstraum erfüllt. Solche Begegnungen finden gerade gar nicht mehr statt.

Screenshot Videokonferenz digitaler Spieleabend Fachbereich Wirtschaft (Rheinbach, 2021)
Der erste digitale Spieleabend des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften.

H-BRS: Wie erleben Sie die Erst- und Zweitsemester, die während der Corona-Pandemie ihr Studium aufgenommen haben? 

Buchholz: Die werden von allen Corona-Maßnahmen hart getroffen. Sie müssen zu Hause studieren, dürfen nur eine Person treffen, dürfen womöglich nicht ihren Hobbies oder ihrem Job nachgehen. Ihnen wird viel zugemutet, auch von unserer Seite. Dürfen wir das, nur weil es technisch möglich ist? Diese Frage muss man sich immer wieder stellen, auch wenn Kontaktbeschränkungen natürlich ihren Sinn haben. Wir hatten im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften das Glück, dass wir vor dem Wintersemester noch einen Kennenlern-Tag in Präsenz durchführen konnten. Dabei wurden noch einige Netzwerke angestoßen. Ich habe den Studierenden damals schon mitgegeben, dass sie sich zu zweit in einem festen Gespann treffen sollen, um gemeinsam zu lernen, zu quasseln und Freizeit miteinander zu bringen. Zweiertreffen sind schließlich erlaubt. Es hat sich außerdem zu Beginn des Semesters eine Whatsapp-Gruppe von Studierenden zusammengefunden, die sich an jedem Donnerstagabend digital trifft. Jeder kann mitmachen, da hat sich eine schöne Gemeinschaft entwickelt. Dort gab es sogar eine digitale Karnevalsparty. 

H-BRS: Wie kam es zur Idee des digitalen Spieleabends? Was wird dort gespielt?

Buchholz: Constanze Eick und ich wollten das entstandene Netzwerk nutzen, um offene Angebote mit Freizeitcharakter zu machen. Auch wollten wir damit Studierende erreichen, die noch nicht integriert sind. So haben wir für die Erst- und Zweitsemester aus den Studiengängen BWL und Wirtschaftspsychologie eine Campus-Rallye organisiert, über die man die Hochschule und wichtige Akteure kennenlernen konnte. Wir haben Spiele gemacht, bei denen wir die Studierenden nach dem Zufallsprinzip zusammengebracht haben. Das ging dann später in ein ganz offenes, zwangloses Beisammensein über. Die Resonanz war überwältigend. Es waren 100 Studierende den ganzen Abend über mit Freude dabei – übrigens mit eingeschalteter Kamera. Der harte Kern blieb bis halb zwölf abends zusammen. Das Treffen ging noch bis tief in die Nacht, wie ich später gehört habe.

Banner des digitalen Spieleabends (Schriftzug, gelber Hintergrund)
Logo des digitalen Spieleabends.

H-BRS: Das ruft nach einer Fortsetzung, oder?

Buchholz: Wir planen zunächst drei Abende: einen Kennenlernabend für die neuen Erstsemester am 31. März, eine arabische Nacht am 14. April und einen irischen Abend am 12. Mai. Wir haben einen sehr engagierten Studierenden als studentische Hilfskraft gewinnen können, der uns mit kreativen Ideen beim Ausbau dieses Formates unterstützt. Zudem sind bei den nächsten Abenden das International Office und das Sprachenzentrum dabei. Wir setzen damit ein Zeichen in Richtung der Studierenden: Es ist uns nicht egal, dass ihr daheimsitzt! Wenn sich darauf die ein oder andere Freundschaft entwickelt oder Lebensfreude aufkommt, dann haben wir viel erreicht.

H-BRS: Lässt sich das Angebot auf andere Fachbereiche übertragen?

Buchholz: Ja, wir haben den anderen Fachbereichen davon erzählt und positive Rückmeldungen bekommen. Wir streuen unsere Idee gerne, aber natürlich müssen die Angebote zum jeweiligen Fachbereich passen.

Das Gespräch führte Dominik Pieper.

Christine Buchholz ist Professorin am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften in Rheinbach. Sie erhielt 2009 einen Lehrauftrag an der Hochschule und wurde 2012 Lehrkraft für besondere Aufgaben im „Pro-MINT-us“-Projekt zur Verbesserung der Lehre. 2015 übernahm sie eine Vertretungsprofessur für BWL (insbesondere quantitative und qualitative Methoden), 2018 erhielt sie ihre Urkunde als ordentliche Professorin. Christine Buchholz ist zudem ausgebildete Keramikerin.