Charly im Serviceeinsatz - ein Roboter in der Apotheke

Freitag, 24. Mai 2019
Die Kundin der Rathaus-Apotheke in Sankt Augustin war zunächst leicht irritiert: gerade hatte sie das Geschäft betreten, da ertönte die etwas blecherne Stimme „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die Kundin stand vor einem etwa ein Meter großen, zartgliedrigen Roboter auf Rollen vom Typ „Pepper“. In der Rathaus-Apotheke neben dem Campus Sankt Augustin der H-BRS lief gerade der erste Test des Service-Roboters, getauft auf den Namen Charly, den das Team um Dr. Daryoush Vaziri vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften auf den Einsatz im Dienstleistungssektor trainieren will.
Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
Charly mit seinen "Begleitern": Dr. Darius Varziri (l) und Apotheker Florian Wehrenpfennig

"Wir hatten im Dezember 2018 einen Workshop zum Thema Gesundheitsdaten und haben dort auch bereits den Roboter vorgestellt. An dem Workshop hat eine Mitarbeiterin von der Rathaus-Apotheke teilgenommen", erinnert sich Daryoush Vaziri. Zu Beginn des neuen Jahres habe er dann mit dem Inhaber der Apotheke gesprochen und vorgeschlagen, ein gemeinsames Projekt zur Erprobung des Roboters umzusetzen. "Eine Apotheke ist ein optimales Testgebiet für einen Serviceroboter, hier geht es um einfache Dienstleistungen wie Kundenführung oder Lokalisierung von Produkten", so Vaziri. Zudem sei es durch die Nachbarschaft der Rathaus-Apotheke zur Hochschule besonders einfach, vielfältige Tests zu absolvieren und Forschungsdaten zu sammeln.

Im Live-Test in der Rathaus-Apotheke kam Roboter Charly zwar gut bei den Kundinnen und Kunden an, das genaue Finden von gesuchten Produkten bereitete ihm aber noch Probleme. Apotheker Florian Wehrenpfennig, Inhaber der Rathaus-Apotheke, zeigte sich dennoch angetan  vom ersten Einsatz: "Ich sehe hier zukünftig vielfältige Möglichkeiten, wie ein sympathischer Service-Roboter einfache Fragen beantwortet, während sich meine Beschäftigten auf die wichtigen Beratungsgespräche mit den Kunden konzentrieren können."

Ein Überblick über Charlys ersten Einsatz in der Apotheke in Bildern:

Ziel des Projekts ist es, ein sogenanntes Roboter-Informationsmanagement (RIM) System zu entwickeln, dass Planung, Steuerung und Überwachung eines Serviceroboters ermöglicht. Das RIM soll dabei leicht zu bedienen sein und einen schnellen Zugang auch für Angestellte ohne Informatikkenntnisse bieten. Über das RIM soll beispielsweise eine Apothekenfachkraft den Roboter auf den Arbeitsalltag vorbereiten, ihn während der Arbeit bei Bedarf steuern und seine Funktionen überwachen. Die Überwachung des Roboters ist insbesondere im autonomen Betrieb wichtig, wenn der Roboter also selbstständig arbeitet. Bei Problemen oder Ausnahmesituationen greift der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin ein und übernimmt die Steuerung.

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Charly im Beratungseinsatz mit Projektmitarbeiterin Özge Tetik

Kooperation mit dem Mittelstand

Bei der Entwicklung des Systems setzten Daryoush Vaziri und sein Team auf eine enge Kooperation mit dem Mittelstand der Region, in diesem ersten Startprojekt die Rathausapotheke. „Wir verfolgen einen iterativen und partizipativen Entwicklungsansatz, in dem wir auf Basis von Gesprächen und Workshops mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern frühzeitig einen ersten Prototyp entwickeln und diesen direkt im Arbeitsalltag erproben“, so Dr. Vaziri. Das Feedback daraus werde dann genutzt, um den Prototypen weiterzuentwickeln.

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"Kein Ersatz für menschliche Arbeitskraft"

Besondere Herausforderungen bestehen laut Vaziri zum einen in der Sicherstellung einer einfachen Bedienung des RIM, zum anderen aber auch in der Gestaltung eines positiven Nutzererlebnisses, sowohl auf Mitarbeiter wie auch auf Kundenseite. „Die wohl größte Herausforderung besteht jedoch darin, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Lage zu versetzen, über das RIM dem Roboter neue Fähigkeiten beizubringen. Unser Ziel ist es, dass der Roboter wie ein Lehrling von den Angestellten mehr über die Kontexte und Besonderheiten des Anwendungsfeldes, in diesem Fall die Beratung der Kunden einer Apotheke, erfährt und sich auf dieser Basis weiterentwickelt. Um das zu realisieren, greifen wir auf Methoden teilweise auch aus anderen Disziplinen wie der Informatik und Didaktik, etwa learning by observation oder programming by example zurück“, so Daryoush Vaziri.

Vor einem umfänglichen Einsatz muss zunächst die Auswertung von Daten aus dem Roboter intensiviert werden, zudem brauche es einen ethische Diskurs über den Einsatz von Robotern im Dienstleistungssektor. „Wir möchten keinen Ersatz für menschliche Arbeitskraft schaffen, sondern schauen, wo und wie KI-Systeme eine sinnhafte Ergänzung für den Menschen und die Betriebe, gerade im Mittelstand, darstellen“, so Vaziri. Der nächste Test von Charly in der Apotheke sei daher schon geplant.

Das Projekt wird derzeit über die Förderinitiative Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Usability des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert. Die erste Projektephase läuft bis 2020, eine Verlängerung ist möglich.