Mehr als nur ein Sprachtandem

Eine Studentin im Master für Technik- und Innovationskommunikation berichtet über ihre Tandemerfahrung mit Arthur, einem Kommilitonen aus dem tiefsten Sibirien.

Anders als ursprünglich bei einem Sprachtandem vorgesehen, kenne ich meinen Interview‐Partner Arthur bereits einige Monate. Ziel eines klassischen Tandems ist, dass Studierende vorhandene Fremdsprachenkenntnisse mithilfe eines Muttersprachlers perfektionieren können, der dann im Umkehrschluss die Muttersprache des anderen Studierenden erlernen bzw. sich darin verbessern kann. Oft kommen eben jene Muttersprachler aus dem Ausland zum Studieren nach Deutschland – ein Sprachtandem kann daher auch bei Integration und zum Kontakte knüpfen hilfreich sein.

Mein Partner für diesen kulturaustauschorientierten Begegnungstandem ist als Jugendlicher nach Deutschland gekommen. Ursprünglich stammt Arthur aus Russland, genauer gesagt Sibirien. Obwohl ich ihn bereits einige Monate kenne, erfahre ich erst durch das angesetzte Interview mehr über seine Kultur und damit verbunden auch über seine Kindheit, die geprägt ist von dem einfachen, aber auch gerade körperlich sehr harten Leben in einer mit 500.000 Einwohnern vergleichsweise kleinen Stadt.

Dort ist das Leben stark von den Umwelteinflüssen geprägt – im Winter sind etwa Temperaturen von minus 40°C an der Tagesordnung, die Arthurs heutige Abneigung gegen jegliche Kälte mit verursacht haben. Die Kinder aus seiner Nachbarschaft haben damals trotz allem das Beste aus der Situation gemacht. So erinnert Arthur sich, dass „unsere Eltern uns eine eigene Eis‐Hockey‐Fläche im Innenhof gebaut haben – so viel Spaß hatte wir selten, da erinnere ich mich gerne zurück“. Während bei uns in Deutschland Fußball die dominierende Sportart ist, sind die Menschen in Russland immer besonders stolz auf ihr Eis‐Hockey‐Team. Dementsprechend ist diese Begeisterung für eine hier eher kleine Randsportart etwas, dass Arthur definitiv fehlt.

Während Arthur herzlich aufgenommen wurde, hatten seine Eltern Startschwierigkeiten in dem für sie fremden Land. So wurde etwa das Zertifikat seiner Mutter, die gerade ihren Abschluss als Kinderärztin gemacht hatte, nicht anerkannt. Bis heute hat sie keine Erlaubnis, in Deutschland als Ärztin zu praktizieren. Sein Vater dagegen hat Schwierigkeiten mit der Sprache, der engste Kontakt besteht daher weiterhin zu den mit immigrierten Verwandten. Für Arthur nichts Ungewöhnliches, denn er betont: „In Russland ist die Familie das Wichtigste. Man ist für einander da und kümmert sich, gerade um die älteren Generationen.“ Besonders im Hinblick auf die körperlich harten Lebensbedingungen in Russland, ist der Familienzusammenhalt wichtig. Jede Familie in seiner Heimatstadt hat etwa ein eigenes Feld hinter dem Haus gehabt, auf dem Gemüse und Kartoffeln angebaut wurden, um für das eigene Überleben zu sorgen.

Doch neben dem Pflichtbewusstsein – gerade der Familie gegenüber – hat Arthur auch andere Werte von seinen Eltern übernommen: „In Russland gab es niemanden, der faul zu Hause gesessen hat. Meine Eltern haben mir immer eingeschärft, dass es normal ist, hart zu arbeiten, zuverlässig zu sein, für einander dazu sein und Versprechen einzuhalten, die man einmal gegeben hat.“ Warum er sich in Deutschland so wohlfühlt? Ganz einfach weil er sich hier sicher fühle, im Gegensatz zu den instabilen Verhältnissen in Russland, wo ein falsches Wort oder ein falscher Blick ausreiche, um Ärger mit der Polizei oder den mächtigen Politikern zu bekommen und mit gefälschten Beweisen ins Gefängnis gesteckt zu werden, erzählt Arthur. Warum er nicht häufiger von seiner Vergangenheit erzählt, frage ich ihn. „Als Russe erkannt zu werden, ist mir immer unangenehm wegen all der Klischees, die es über Russen gibt. Die Leute denken doch, dass wir den ganzen Tag nur Wodka trinken und nichts anderes machen – wir sind so ziemlich das Gegenteil, vielleicht schon Deutscher als die Deutschen selbst, was das Pflichtbewusstsein etwa angeht“, lacht Arthur.

Für mich persönlich war dieser kulturelle Austausch sehr interessant, so habe ich nicht nur die sibirische Kultur besser kennengelernt und durch Arthurs Erzählungen mich besser in dieses fremde Land einfühlen können – auch die Treffen selbst waren ein gutes Englischtraining sowohl für Arthur als auch für mich. Durch unser Interview konnte ich im Nachhinein besser verstehen, warum Arthur immer scheinbar ärgerlich das Thema gewechselt hat, sobald ich ihn auf seine Herkunft angesprochen habe. Jetzt kann ich nachvollziehen, was dahinter gesteckt hat und wie leicht sich eine Situation falsch interpretieren lässt, wenn einem die Hintergrundinformationen über die fremde Kultur des anderen fehlen. Durch den Sprachtandem habe ich dazugelernt und zudem viel Spaß bei den Gesprächen mit meinem Partner gehabt. Das wird definitiv nicht mein letzter Austausch dieser Art bleiben.

© Verena Scheuer