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"Lea in the cold blue" - Elektrotechnik-Absolventin Lea Buse in der Antarktis
Eine Alumna der H-BRS in der Antarktis? Das ist nun wirklich ungewöhnlich und so waren wir froh, dass Lea Buse sich Zeit genommen hat für einen Videocall mit dem Alumni-Büro ihrer Hochschule.
Zu Beginn des Gesprächs Ende Juni 2026 checken wir kurz: Zwischen uns liegen aktuell dreizehneinhalbtausend Kilometer und rund 55 Grad Unterschied in der Außentemperatur. Während sich das Rheinland gerade über 17 Stunden Helligkeit freut, sieht Lea Buse, Elektroingenieurin und Absolventin der H-BRS, seit zwei Monaten gar keine Sonne mehr. Bestenfalls erhellt in den Mittagsstunden ein diffuses Dämmerungslicht die weiße Landschaft aus Eis und Schnee rund um die Neumayer-Station im antarktischen Schelf, ihrem aktuellen Arbeitsort. Immerhin: Der Sonnenstand beschert dem Überwinterungsteam ein grandioses Rot am Himmel.
Bei einer Tasse heißem Ingwer-Minztee (die getrocknete Minze hat sie aus ihrem Kölner Garten mitgenommen) erzählt Lea von ihrem Ausnahme-Abenteuer: Sie ist Teil der 46. Überwinterungscrew der Neumayer-Station III, der wichtigen Basisstation der deutschen Antarktisforschung. Seit 1981 betreibt das Alfred-Wegener-Institut (AWI, Bremerhaven) eine Station für Polar- und Meeresforschung auf dem Schelfeis auf der atlantischen Seite der Antarktis. "Neumayer III" wurde 2009 eingeweiht. Im antarktischen Sommer leben und forschen dort bis zu 50 Wissenschaftler:innen und messen Wetter, Atmosphäre, Erdmagnetfeld und Umweltveränderungen - und heben an diesem Ort der Extreme Datenschätze, die helfen, unseren Planeten besser zu verstehen.
Doch von März bis Anfang November ist es nur ein Team von acht Fachleuten, die die Station (und einander) gut über den antarktischen Winter bringen: Sie decken alle notwendigen Fachgebiete ab: Ingenieurwissenschaften, medizinische Versorgung, Meteorologie, Geophysik. Besonders wichtig ist natürlich der Kollege, der als Koch und Proviantmeister tagtäglich für gute Stimmung sorgen soll.
Das Team hatte sich seit Sommer 2025 gemeinsam auf den Einsatz vorbereitet. Im November 2025 ging es los zur Station, wo das vorherige Überwinterungsteam die Neulinge anleitete. In den ersten Monaten erlebten sie noch den lauten, wuseligen Forschungsbetrieb. Doch ab März, das wachsende antarktische Dunkel vor Augen, war das Team auf sich allein gestellt. Erst ab August wird es in der Antarktis wieder merklich heller. Lea und das Team werden noch bis Dezember 2026 auf der Station bleiben.
Lea Buse bezeichnet sich selbst als Technik-Freak, sie ist studierte Praktikerin durch und durch. Im Rahmen eines kooperativen Studiums, machte sie an der H-BRS ihren Bachelor in Elektrotechnik und gleichzeitig bei den Ford-Werken die Berufsausbildung zur Elektronikerin.
Die Idee, einmal bei einer Polarexpedition in der Antarktis zu arbeiten, flog ihr bereits in der Anfangszeit des Studiums zu. Immer wieder recherchierte sie, folgte relevanten Blogs und Berichten entsprechender Missionen. Das AWI lernte sie im Rahmen einer Ausbildung zur Forschungstaucherin und einer Werksstudenten-Tätigkeit in der Permafrostforschung näher kennen.
Auf der Neumayer-Station ist Lea gemeinsam mit ihrem Ingenieurskollegen zuständig für die gesamte Technik. Und so gehört zur Routine eines jeden Arbeitstages ein Rundgang, bei dem die Systeme für Heizung, Lüftung und Energiegewinnung geprüft werden. Auch die Trinkwasseraufbereitung wird genauestens gecheckt, denn das Trinkwasser auf der Station wird aus Schnee gewonnen, dem für den Menschen wichtige Mineralien zugesetzt werden. Eine zugesetzte Leitung hätte umgehend ernste Auswirkungen.
Die Arbeiten außerhalb der Station lassen sich dagegen nicht immer planen: Arbeiten am Windkraftwerk sind undenkbar bei Windböen von bis zu 160 Stundenkilometern. Ende Juni war es soweit. Lea ließ sich von einem Hubwagen in rund 20 Meter Höhe hieven und unterzog das Kraftwerk einer genauen Wartung. In Summe waren es etliche Stunden bei tiefen Minusgraden, bis sie ganz zum Schluss noch alle Schlitze mit Alutape gegen Schneeeintrag sicherte.
Grundsätzlich versucht das AWI auch auf der Neumayer-Station, möglichst viel der benötigten Energie regenerativ zu gewinnen. Aber unter den extremen Temperatur- und Witterungsverhältnissen ist das nicht immer einfach: In den Anfangsjahren des Windkraftwerks schmirgelten Wind und Schnee die Rotorblätter binnen Kürze weg. Und so mussten erst einmal Rotorblätter entwickelt und gefunden werden, die den antarktischen Schneestürmen standhalten können.
Die Technik, die auf dieser dritten Station eingesetzt wird, ist auf Minimalismus und Sicherheit ausgelegt. In den Monaten der Vorbereitung sind Lea und ihr Kollege von den Geräteherstellern in Umgang, Wartung und Reparatur der jeweiligen Systeme geschult worden. Auch das Ersatzteillager ist gut gefüllt. "Aber eigentlich macht mir am meisten Spaß, neue handwerkliche Dinge, wie zum Beispiel die Arbeit an der Drehbank, von meinem Kollegen zu lernen und technische Lösungen auszutüfteln. Ich finde es einfach großartig, hier auf der Station mit Technik und Wissenschaft in der vollen Bandbreite zu arbeiten."
Das im Studium erworbene technische Wissen hilft ihr dabei sehr. Ein Beispiel sind die Themen der Regelungstechnik, unterrichtet von Professor Bunzemeier. "Das waren sehr anspruchsvolle Fächer, in die ich mich ordentlich reinfuchsen musste. Aber jetzt hilft mir dieses Grundlagenwissen enorm für das Verständnis zum Beispiel unseres Raumluftsystems oder für die Stromerzeugung auf der Station."
Durch Eis und Schnee bewegt sich die Crew mit dem Pistenbulli oder Skidoos, flotten Schneemobilen, und findet sich dann mitunter zwischen Pinguinen und Robben wieder. Schwere Kettenfahrzeuge kommen dagegen zum Zug, wenn beispielsweise das Forschungsschiff "Polarstern" entladen werden muss. Das Schiff bringt einmal jährlich im antarktischen Sommer Vorräte und Treibstoff für ein ganzes Jahr. Je höher das Schelfeis über das Wasser ragt, desto aufwändiger ist das Hochkranen von Containern und das Umbunkern von Treibstoff. Deswegen erkundeten Lea und ein Kollege in den letzten Monaten auch den Bereich um den Nord-Ost-Anleger des Schelfeises, maßen dort die Höhe zwischen Schelfeiskante und Wasseroberfläche und prüften, ob sich diese Stelle für die Entladung der Polarstern besser eignet.
Schnee und Eis können dem Stationsgebäude lange nicht mehr so viel anhaben wie seinen Vorgängern: Anders als ihre Vorgängerstationen, die ins Eis gebaut waren, steht die Neumayer III auf der Schneedecke auf einer Plattform auf 16 hydraulischen Stützen. Damit die Station immer gerade steht, hebt das technische Team einzelne Stützen immer regelmäßig ein wenig an. Im antarktischen Sommer wird die Station dann in einer größeren Aktion komplett angehoben.
Doch die Lebenszeit der aktuellen Station ist ohnehin begrenzt. Irgendwann wird die Platte des Schelfeises, die sich jeden Tag rund 40 Zentimeter Richtung Inland schiebt, als Eisberg abbrechen. Daher ist bislang eine Nutzung bis 2035 geplant. Bis auf die letzte Schraube kann die Station dann zurückgebaut werden und die Pinguine werden sich anschließend fragen: War was?
Ob Lea diesen Moment selbst in der Antarktis erleben wird? Ihre Begeisterung für die Extreme der polaren Welt ist ungebrochen und auf Instagram teilt sie als "Lea in the cold blue" ihre Eindrücke mit Freunden und Familie. Und so wird es noch spannend, wohin sie sich nach dieser Erfahrung orientieren wird. Viel Glück!
Text: Barbara Wieners-Horst. Fotos: (soweit nicht anders vermerkt) Lea Buse, Alfred-Wegener-Institut
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