Stabsstelle Kommunikation und Marketing
H-BRS aktuell: Extreme Hitze ist eine "stille Katastrophe"
H-BRS: Wie erklären Sie sich, dass die Hitzetoten des Sommers und die Konsequenzen daraus in den Medien und in der Politik längst nicht so intensiv diskutiert werden wie etwa die Flutkatastrophe des Jahres 2021?
Best: Das liegt auch daran, dass das Hitze-Ereignis im Vergleich zu einem Flusshochwasser kein lokal und regional begrenzter Schock ist, sondern flächendeckend auftritt. Auch fehlen drastische Bilder: Die Menschen sterben in Pflegeheimen, in Krankenhäusern und ihren Wohnungen. Extreme Hitze ist eine „stille Katastrophe“, aber trotzdem ist sie unter den direkten Folgen der Klimakrise die tödlichste.
H-BRS: In der Öffentlichkeit standen dennoch andere Aspekte im Fokus.
Best: Es wurde in diesem Sommer vermehrt über indirekte Folgen diskutiert. Die wirtschaftlichen Kosten eines Hitzetages über 30 Grad wurden durch eine Studie von Prognos auf 431 Millionen Euro quantifiziert. Kostentreiber ist vor allem die reduzierte Arbeitsproduktivität - jedes zusätzliche Grad über 25 Grad senkt die Produktivität um zwei Prozent.
In vielen Medien wurde über diesen Sommer auch über die Folgen der Hitze für die Gesundheit, die Psyche und die Infrastruktur berichtet. Viele Kommunen arbeiten gerade schon an ihren Hitzeschutzkonzepten. Mein Vorschlag ist, dass man hier nicht auf die perfekte Lösung setzt, sondern auch erste Arbeitsergebnisse veröffentlicht und der Politik vorlegt – auch wenn vielleicht noch nicht das Gesamtpaket abgeschlossen ist und alle Zuständigkeitsfragen geklärt wurden.
H-BRS: Welche weiteren Aspekte sind in der Klimakrise von Belang?
Best: Die kulturellen und psychischen Folgen der Klimakrise und soziale Gerechtigkeit rücken vermehrt in den Vordergrund. Emotionen wie zum Beispiel Sorge, Trauer und auch Neid spielen da eine Rolle. Das kann auch der Neid auf die Anpassungsmöglichkeiten von Vermögenden sein, die extremer Hitze vielleicht durch eine spontane Auslandsreise ausweichen konnten. Die Kostensteigerungen für fossile Energieträger treffen Menschen mit weniger Einkommen härter, weil sie anteilig mehr Geld für Mobilität und Heizen ausgeben, und sie haben eventuell begrenzte Handlungsspielräume, weil sie dem vielleicht nicht mit energetischer Sanierung, einer neuen Wärmepumpe oder dem Kauf eines E-Autos entgegenwirken können.
H-BRS: Was steht aus Ihrer Sicht jetzt an?
Best: Jetzt, wo die Temperaturen wieder sinken, nimmt die Dringlichkeit wieder ab. Aber mir scheint wichtig, dass man jetzt die Zeit nutzt, um sich auf die nächsten Hitzesommer vorzubereiten. Dazu kann zum Beispiel gehören, dass unkompliziert Zugang zu öffentlichen „kühlen Orten“ geschaffen wird. In einigen Städten gibt es schon bei großer Hitze einen kostenfreien Eintritt in Museen. Viele Museen sind klimatisiert. Das ist eine im Vergleich sehr kostengünstige Maßnahme, weil die Kommunalverwaltungen vor allem den entsprechenden Prozess definieren und überschaubare Einnahmeausfälle kompensieren müssen. Gleichzeitig tun sie dabei etwas Gutes für die kulturelle Bildung und die Kulturinstitutionen der Stadt.
H-BRS: Und was muss und kann für die Alten und Pflegebedürftigen getan werden?
Best: Um vulnerable Gruppen zu schützen, will das Land NRW Fördergelder von 287 Millionen Euro zwischen 2027 bis 2030 für den Hitzeschutz im Pflege- und Gesundheitssektor zur Verfügung stellen. Das ist gut, reicht aber nicht aus. Förderungen und Zuschüsse dieser Art sollten ausgebaut werden, um Krankenhäuser, Kitas, Schulen und Pflegeheime energetisch zu modernisieren und Maßnahmen für sommerlichen Wärmeschutz durchzuführen.
H-BRS: Fördergelder alleine werden es aber wohl nicht richten?
Best: Politik und Verwaltung können die vielen neuen sozial-ökologischen Risiken, die mit der Klimakrise einher gehen, nicht allein bewältigen. Vielmehr braucht es auch kulturelle und gesellschaftliche Anpassungsleistungen. In diesem Kontext ist zu beobachten, dass wir alle derzeit damit experimentieren, wie wir gut mit der Hitze umgehen gehen können. Dazu gehören viele kleine Praktiken, zum Beispiel das Verlegen von Uni-Prüfungen auf Randzeiten, nachbarschaftliche Hilfe für ältere und einsame Menschen, Kindern in Kita und Schule feuchte und kühle Tücher mitzugeben und die Installation von improvisierten Verschattungen, vor allem für Süd- und Südwestfenster. Das alles hilft, die Folgen extremer Hitze abzumildern.
H-BRS: An der Hochschule bereiten Sie Ihre Studierenden darauf vor, in Politik und Verwaltung an solchen Anpassungsprozessen mitzuwirken. Was geben Sie ihnen mit auf den Weg?
Best: In unserem neuen Master „Public Policy & Transformation“ lernen die Studierenden zentrale Fähigkeiten, um im Politikfeld der Sozial- und Klimapolitik zu agieren. Als Hochschule für angewandte Wissenschaft haben wir starke Kooperationsstrukturen mit regionalen Praxispartnern aus den Bereichen öffentliche Verwaltung, Politikberatung und Wirtschaft. Unser Master beinhaltet Module aus den Bereichen Kommunikation, Ethik, Politikwissenschaft und inter- und transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung, so dass die Studierenden vielfältige berufsrelevante Inhalte kennenlernen, an denen sie praxisorientiert in kleinen Teams arbeiten.
Pressebilder zum Herunterladen
Kontakt
Benjamin Best
Professor für Public Policy und Transformation, Studiengangsleiter M. A. Public Policy und Transformation: Klima-Sozial-Politik
Standort
Standort
Sankt Augustin
Raum
F204
Adresse
Grantham-Allee 20
53757 Sankt Augustin
Telefon
+49 2241 865 9991