Manuela Raatgerink, CSR & NGO Management

Manuela Raatgerink macht einen der wichtigsten Jobs, die es aktuell in Europa gibt: Sie kümmert sich um die Integration von Flüchtlingen. Entscheidend ist in ihren Augen das wechselseitige Verständnis der fremden Kulturen. Gelernt hat die Argentinierin das an ihrem eigenen Beispiel.
Hochschule Bonn-Rhein-Sieg

Als Manuela Raatgerink einst aus ihrer Heimat Argentinien nach Deutschland kam, kannte sie niemanden. Der Weltjugendtag 2005 in Köln hatte sie nach ihrem Bachelor-Abschluss im Fach International Relations and Economics aus Buenos Aires hergelockt. Ein halbes Jahr lang hat die damals 25jährige mitgeholfen, das katholische Mega-Event auf die Beine zu stellen, hat sich vor allem um Computerangelegenheiten und die Koordination anderer lateinamerikanischer Helfer bemüht. „Ich wollte einfach die Welt und die Kirche ein bisschen besser machen“, sagt sie. Ein Priester der deutschen Schönstatt-Bewegung, die sich weltweit um eine Modernisierung der katholischen Kirche bemüht, hatte ihr in Buenos Aires geraten, der Weltjugendtag sei eine gute Gelegenheit dafür. Der Tipp sollte Raatgerinks Leben verändern – im Zusammenspiel mit ihrem Hobby: Couch-Surfing.

Couch-Surfer bieten per Internet untereinander und wildfremden Menschen Unterkünfte für eine Nacht oder auch mehrere Nächte, manchmal auch einfach ein gemeinsames Essen an – oft im Tausch für eine Gegenleistung. So findet man in einer fremden Stadt schnell Bekannte oder gibt anderen die Gelegenheit dazu. Wochenendausflüge werden erschwinglich und gesellig.

Raatgerink lernte auf diese Weise rasch Leute kennen: „Ich habe an mehreren Sonntags-Brunches teilgenommen. So dauerte es nur wenige Wochen, da hatte ich mich in Deutschland eingelebt. Die Menschen, die Kultur insgesamt, haben mich sehr herzlich aufgenommen. Ich habe Offenheit, Toleranz und Respekt erfahren. Dazu ist das öffentliche Leben gut geregelt. Mir wurde klar: Zum Weiterführen meines Studiums wollte ich hierher zurückkommen, um zu sehen, ob Deutschland nicht meine neue Heimat werden könnte.“

Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
Manuela und andere Teilnehmende bei der Tagung für internationale H-BRS-Alumni im September 2015

Zwischenzeitlich arbeitete sie in Argentinien noch für verschiedene Firmen im Webmarketing, Kundenservice und Logistikbereich. 2010 dann kehrte sie in den deutschen Sprachraum zurück – zunächst als Au Pair ins österreichische Bregenz am Bodensee, von wo aus sie für die Schönstattbewegung weitere Kirchenprojekte in Deutschland betreute und wo sie einen Deutsch-Sprachkurs belegte. Dann bewarb sie sich für den Master-Studiengang Corporate Social Responsibility (CSR) und Non-governmental Organisation (NGO)-Management an der H-BRS in Rheinbach, weil sie sich in Richtung Entwicklungshilfe und Völkerverständigung spezialisieren wollte.

Auch in Bonn, wo sie eine Wohnung mietete, fand sie sehr schnell Anschluss. Kein Wunder bei ihrem lateinamerikanischen Temperament: Wer mit Manuela Raatgerink skyped, sieht sich einem Wirbelwind mit Brille gegenüber, der offenbar beim Videotelefonat mit dem Handy in der Hand wild gestikuliert – das Bild fliegt hin und her, die englischen Worte sprudeln in dem typischen spanischen Akzent nur so aus der braunhaarigen Argentinierin heraus. Raatgerink erzählt gern aus ihrem Leben – nicht zuletzt, weil es vielen Migranten als Beispiel dienen kann. Es ist kein Zufall, dass genau diese Vermittlungsarbeit zwischen den Kulturen inzwischen Raatgerinks Hauptjob geworden ist: Sie arbeitet in ihrer neuen Heimat Niederlande für das dortige Flüchtlingswerk.

Am wichtigsten erscheint ihr, dass Ausländer, die längere Zeit bleiben wollen, die Sprache  lernen und sich zumindest im öffentlichen Bereich an die üblichen Umgangsformen anpassen. „Syrer und Äthiopier haben zum Beispiel völlig andere Vorstellungen von Political Correctness als Deutsche oder Holländer. Oder Latinos: In ihrer Heimat müssen sie bei Behörden sehr fordernd auftreten, um mit ihrem Anliegen weiterzukommen. Hier dagegen ist das eher kontraproduktiv. Wer zu aufdringlich ist, wird unausgesprochen ausgebremst. Ich weiß das und spreche es offen an. Ich sehe mich als Mittler zwischen Bürokratie und Flüchtling, eine Art Brücke in dieses neue Land.“

Alles dafür Nötige hat Raatgerink an der H-BRS gelernt: Im Studium das Management und die Koordination, im Nebenjob als Hilfskraft im Fachbereich für interkulturelle Kommunikation das Fingerspitzengefühl für verschiedene Kulturen. „Ich habe Studierenden aus aller Herren Länder – vor allem aus China, Japan und Frankreich – geholfen, sich hier zurechtzufinden“, erzählt sie. Besonders lehrreich sei dabei die Zusammenarbeit mit ihrer Chefin gewesen, der geborenen Irin Eileen Küpper, die am Campus Rheinbach Englisch und interkulturelle Kommunikation lehrt und die anderen Dozenten in dem Fach koordiniert. „Sie sensibilisierte mich dafür, dass man erst einmal die fremde Kultur ergründen und verstehen muss, bevor man letztlich den Menschen richtig verstehen kann.“

Raatgerink genoss ihre insgesamt drei Jahre Deutschland in vollen Zügen, ob beim Studium, bei der Arbeit oder privat. Deshalb folgte sie auch nur zu gern der Einladung, im September 2015 bei der Alumni-Tagung der H-BRS teilzunehmen und alle alten Weggefährten wiederzusehen. „Deutschland war meine beste Zeit, und ich wäre sicherlich auch nach dem Abschluss geblieben – wäre da nicht dieser Mann dazwischen gekommen.“ Es war wieder einmal beim Couch-Surfing: Eine Gruppe Holländer wollte ein Wochenende in Bonn verbringen, bot ein Barbecue in den Rheinauen gegen zwei Übernachtungen im Schlafsack auf dem Boden. Raatgerink lud die fünf Jungs ein – und einer von ihnen wurde nur ein Jahr später ihr Ehemann, dem sie nach Enschede folgte.

Auch hier zeigte sich wieder die Flexibilität, die die Argentinierin auszeichnet: „Es war klar, dass nicht er zu mir, sondern ich zu ihm ziehen würde. Zwar musste ich dafür Deutschland wieder verlassen, doch ich komme mit solchen Veränderungen einfach gut klar.“ Raatgerink hatte bereits längere Aufenthalte auch in Chile, Spanien, den USA und Südafrika verbracht, sie spricht neben Spanisch, Englisch und Deutsch auch Portugiesisch, Italienisch und neuerdings eben Holländisch.

Den Mut und die Kraft, die man für solche Sprünge zwischen den Kulturen braucht, so Raatgerink, habe sie in gewisser Hinsicht auch von ihrer Mutter vorgelebt bekommen: „Sie war eine unheimlich starke Frau, hat meine Familie alleinerziehend durch die Wirtschaftskrise in Argentinien gebracht, indem sie zeitweise drei Jobs gleichzeitig nachging. Wir sind innerhalb des Landes sieben Mal umgezogen, mussten uns immer wieder neu anpassen. Das hat mich geprägt und motiviert mich bis heute. Ich war immer bereit, Risiken einzugehen und meine Komfortzone zu verlassen. Zumal das Leben so mehr Tiefgang verspricht.“

Auch in Holland kennt Raatgerink keinen Stillstand – obwohl sie dort nun aller Voraussicht nach bleiben wird. Zur Zeit arbeitet sie noch Teilzeit beim Flüchtlingswerk, nebenher hat sie das ein oder andere Projekt gemacht, zuletzt etwa im Auftrag der argentinischen Agentur La Machi eine Marketingkampagne für eine Entwicklungshilfeorganisation entwickelt, die professionelle Arbeitskräfte nach Afrika sendet. Doch Raatgerink will möglichst bald Vollzeit beim Flüchtlingswerk arbeiten, dazu macht sie nun einen weiteren Sprachkurs: Holländisch. „Ich lebe im ländlichen Osten der Niederlande. Hier braucht man neben Englisch unbedingt die Landessprache – allein schon für die interne Kommunikation. Außerdem will ich vollwertig integriert sein und einen 'holländischen' Job machen.“ Raatgerink findet, dass man in einem Land, in dem man eine neue Heimat finden will, zwar die guten Seiten der eigenen Kultur einbringen, aber auch voll in die neue Kultur eintauchen sollte. Dann könne sie einem auch mehr zurückgeben: „Es bieten sich mehr Gelegenheiten für einen guten Job, und die Kultur kann einen womöglich etwas lehren, das einen auch persönlich reifen lässt.“

Gut möglich, dass der Vollzeitjob beim Flüchtlingswerk nur eine Zwischenstation für Raatgerink sein wird. Insgeheim träumt sie davon, in die Politik zu gehen, vielleicht auf EU-Ebene. „So tolerant Deutsche und Holländer sind – ich sehe immer wieder, dass es auch hier noch an interkulturellem Verständnis und der Kommunikation mangelt. Viele politische Probleme resultieren aus Unkenntnis. Es wäre ein Traum, wenn ich Europa an dieser Stelle etwas davon zurückgeben könnte, was ich erfahren habe – und wenn es jedem Flüchtling so gut ergehen würde, wie es mir ergangen ist.“

Gerade hat Manuela Raatgerink das gesagt, da klingelt es an ihrer Haustüre. „Das ist mein Fahrlehrer, ich muss los“, sagt sie. Scheu, immer wieder Neues zu lernen, kennt sie einfach nicht: Die 35jährige macht jetzt auch noch ihren Führerschein.

Text: Jan Berndorff