Anika Vooes, Wirtschaftswissenschaften

Nachdem Anika Vooes sich mit viel Ehrgeiz durch ein stressiges Studium gekämpft hat, fand sie bei der Galeria Kaufhof ihre Berufung. Dort arbeitet sie als Prozessmanagerin. Ein Job, der viel abverlangt.
Portraitbild von Alumna Anika Vooes

Feiern und Studentenpartys gehören für viele zum Studium dazu. Doch nicht für Vooes. Ihre Studienzeit an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg empfand sie eher als stressig. Während viele Kommilitonen das Ganze recht locker angingen, stellte sie sehr hohe Erwartungen an sich: „Ich wollte das Studium schnell absolvieren und dabei auch mit zu den Besten gehören.“ Den Zeitdruck verschärfte sie noch, indem sie schon früh begann, sich als studentische Hilfskraft Geld dazuzuverdienen. Ein Ehrgeiz, der sich allerdings auszahlen sollte.

Herausfordernd empfand Vooes die breite Fächerung ihres Studiums der Wirtschaftswissenschaften. „Einige Themen haben mich total mitgerissen, und ich war traurig, wenn das Semester zu Ende war.“, erzählt Vooes „Mit anderen Themen wie Mikroökonomie konnte ich dagegen rein gar nichts anfangen.“ Abgesehen davon fühlte sich Vooes an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg aber sehr wohl. Besonders das familiäre Verhältnis, welches sie sowohl mit ihren Kommilitonen als auch mit den Professoren aufbauen konnte, schätzt sie sehr.

Während des Studiums absolvierte Vooes ein Praktikum beim Handelsblatt im Projektmanagement. Anschließend schrieb sie dort auch ihre Diplomarbeit über „Kundenbindung durch Corporate Citizenship“, zu Deutsch: „Unternehmensbürgerschaft“ – also die Bemühungen eines Unternehmens, sich als „gute Bürger“ zu engagieren. Dadurch war sie ein ganzes Jahr in dem Unternehmen, was sie besonders hilfreich fand: „Normalerweise ist ein Praktikum schon wieder vorbei, bevor man sich richtig eingelebt hat. Doch auf diese Weise war es mir möglich, das Unternehmen richtig kennenzulernen.“

Nach ihrem Studium fing sie beim Handelsblatt auch zunächst an zu arbeiten. Doch sie sah für sich keine Perspektive in diesem Berufszweig. Denn die Printmedien kämpften schon damals mit sinkenden Absatzzahlen. Viele ihrer Kollegen wurden entlassen. Deswegen begab sie sich erneut auf Jobsuche. „Ich war immer sehr zahlenaffin, daher wollte ich etwas in diesem Bereich machen“, erzählt sie.„Irgendwann sagte dann ein Bekannter: 'Mensch Anika, du kannst prima Prozesse analysieren!' Und das war der Satz, der mir dabei half, meinen Weg zu finden.“ Wo also konnte sie diese Fähigkeit einsetzen?, war die Frage. Bei der Recherche stieß Vooes auf das Controlling. Dort gewinnt man übergreifende Einblicke in die Funktion eines Unternehmens. Während ihres Studiums hatte sie in diesem Fach zwar nie ihren Schwerpunkt gesetzt, wagte aber dennoch den Sprung ins kalte Wasser: Sie bewarb sich bei Galeria Kaufhof auf eine Stelle in diesem Bereich.

Schon im Bewerbungsgespräch merkten ihr Chef und sie allerdings, dass sie eher keine geborene Controllerin ist, aber mit ihren Talenten nicht zuletzt in der Prozessanalyse und -konzeption dennoch eine wichtige Bereicherung des Teams. Sie durchlief nun verschiedene Aufgaben und Abteilungen, war eine Zeit lang Leiterin der Unternehmensentwicklung mit Teamverantwortung und wechselte später zu galeria.de, also dem Onlineshop von Kaufhof, um dort den Bereich „Business Development eCommerce” aufzubauen. Inzwischen arbeitet sie als „Prozessmanagerin Multichannel”. „In meinen Online-Profilen nenne ich das 'Multichannel Process Evolution'“, erzählt Vooes, „weil es darum geht, in die DNS des Unternehmens einzugreifen, alles zu identifizieren und mitzunehmen was Kaufhof stark macht und die Prozesse in ein neues Zeitalter zu überführen. 'Multichannel Retail' bedeutet, dass wir verschiedene Kanäle miteinander verschränken, in dem Fall den Onlineshop mit dem stationären Geschäft: Also online reservieren, in der Filiale abholen, in der Filiale nicht verfügbare Artikel mithilfe eines Tablets direkt für die Kunden online bestellen und so weiter.“

Dem Kunden möge diese Verschränkung von online und stationärem Geschäft normal erscheinen: Warum sollte er Ware, die er im Onlineshop gekauft hat, nicht einfach in einer Filiale zurückgeben können und dort sein Geld zurückbekommen? Warum sollte man nicht alles, was es in den Filialen gibt, auch online bestellen können? Bei Unternehmen, die anders als Amazon oder Zalando keine reinen Online-Händler sind, ist das logistisch jedoch äußerst schwierig. Alle Prozesse und Systeme sind einmal für das Filialgeschäft entwickelt worden und lassen sich nicht ohne Weiteres anpassen. „Und mein Job ist es eben, diese Multichannel Services aus Kundensicht zu bewerten, die bestehenden Prozesse und Systemschnittstellen zu analysieren, Umsetzungsszenarien zu entwickeln und diese dann in Zusammenarbeit mit den Fachbereichen auch zu realisieren.“

Natürlich treibt Vooes auch bei dieser Arbeit ihr Ehrgeiz an. Sie möchte möglichst gut funktionierende Prozesse entwickeln: „Nicht immer geht es da gleich um das Optimum, denn der Weg dorthin ist oft sehr weit. Vielmehr geht es darum, überhaupt gangbare Wege zu finden, systemische und prozessuale Hürden zu überwinden, damit Ideen konsequent aber auch schnell umgesetzt werden können. Dazu muss ich vor allem die Menschen mitnehmen, die für die Systeme und Prozesse verantwortlich sind und sie dazu motivieren, mit mir zusammen Neues zu entwickeln.“ Dabei darf Vooes eigenständig handeln, was sie sehr schätzt. Sie kann Projekte mitgestalten und den Lösungsweg selbst wählen. „Am Ende werde ich am Ergebnis gemessen, nicht daran, wie ich dorthin gekommen bin“, erklärt sie. Außerdem sei der Zusammenhalt innerhalb der Firma sehr stark; jeder bringe sich ein, um ein Projekt zu realisieren.

Ohne Zweifel ist Vooes eine Karrierefrau, Doch wer meint, das sei ihr einziger Lebensinhalt, der täuscht sich: Vooes ist auch Mutter von zwei kleinen Kindern, ein und drei Jahre alt, denen sie ihre komplette Freizeit widmet und für die sie zwischenzeitlich auch Elternzeit genommen hatte. „Früher habe ich sehr viel Sport gemacht, heute nicht mehr. Kinder zu erziehen ist Sport“, sagt sie schmunzelnd. Schließlich müsse sie mit ihren Kindern spielen, singen, toben, malen und basteln. Vor allem aber muss sie sie erziehen, das erfordere die meiste Energie. Darum arbeitet Vooes momentan auch nur Teilzeit. Wobei sie in Zukunft auch gern wieder aufstocken würde, um weiterhin verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen. Wenn es geht, ohne dass sie dafür die Kinder ganztags in eine Tagesstätte stecken muss: „Es ist mir wichtig, meine Kinder selbst großzuziehen und ihre Entwicklung mitzuerleben.“

Bei dieser Vereinbarkeit von Familie und Beruf wünscht sie sich mehr Unterstützung von Politik und Wirtschaft. Für Führungskräfte in Teilzeit gibt es noch nicht allzu viele Modelle. Der Spagat zwischen Familie und Beruf ist für sie also alles andere als leicht. Doch ehrgeizig wie Vooes ist, wird sie ihn meistern.


Text: Timo Zemlin

Timo Zemlin studiert an unserer Hochschule Technikjournalismus. Er verfasste dieses Porträt im Rahmen eines Wahlkurses (Porträtschreiben am Beispiel von H-BRS-Alumni) im Wintersemenster 2015/2016.