Von Zarqa nach Rheinbach und wieder zurück

25 Jahre H-BRS. 10 Jahre Graduierteninstitut. Und wir blicken zurück mit einer einzelnen Geschichte, die doch so viel aussagt über die Menschen an dieser Hochschule.

Die Abenteuer einer jordanischen Doktorandin an der H-BRS

von Barbara Hillen

Als Sawsan Jaafreh vor 20 Jahren in der Küche stand und Geflügel zubereitete, hatte sie keine Ahnung, dass dies eines Tages ihre akademische Laufbahn prägen und sie inspirieren würde. Sie roch an dem rohen Fleisch, um zu kontrollieren, ob es noch gut war. Die Hitze in ihrer jordanischen Heimat war zeitweise brutal und sie hatte sich längst daran gewöhnt, dass diese die Vorfreude auf ein leckeres Gericht im Nu zunichtemachen konnte. Doch diesmal konnte sie nichts Verdächtiges riechen und ließ die Hähnchenbrustfilets in der Pfanne brutzeln.

Doktorandin Jaafreh steht vor ihrem Poster und erklärt es.
Doktorandin Sawsan Jaafreh 2014 , Foto: Juri Küstenmacher

Vor Kurzem hatte sich Sawsan Jaafreh mit der Aufnahme eines Chemiestudiums an der staatlichen Hashemite University in ihrer jordanischen Heimatstadt Zarqa, nordöstlich der Hauptstadt Amman, einen Traum erfüllt. Dass 1995, also nur ein Jahr vor der Gründung ihrer Alma Mater, die H-BRS im fernen Deutschland eingeweiht worden war, hatte für die junge Studentin damals keinerlei Bedeutung.

Sawsans Eltern waren voller Stolz auf ihre Tochter, als sie das Studium 2003 mit dem Bachelor abschloss. Als sie dann auch noch erfuhren, dass sie durch ein Stipendium sogar noch einen Master absolvieren würde, konnten sie es kaum glauben. Sie war die Erste ihrer Familie, die einen Fuß in ein Universitätsgebäude gesetzt hatte, und obwohl sich ihre Familie scheinbar sehr geehrt fühlte, hatte Sawsan den Eindruck, dass man ihr nicht genug Verständnis und Unterstützung entgegenbrachte. Während ihres Masterstudiums arbeitete sie als studentische Hilfskraft in der Fakultät für Chemie, wodurch sie wertvolle Einblicke in den Universitätsalltag bekam und die Gelegenheit hatte, eine junge Universität mitzugestalten, die sich noch in der Entwicklung befand. Nach der Abgabe ihrer Masterarbeit mit dem Titel „Reaction Cross Section in Atom-Diatom-Molecule Collisions“ im Jahr 2006 kristallisierte sich bei ihr der Wunsch zu lehren heraus. Folglich arbeitete sie zwei Jahre lang als Lehrassistentin an ihrer Heimatuniversität. Nach ihrer Beförderung im Jahr 2008 war sie vier Jahre als Dozentin tätig. Sie hätte sich auf ihren Lorbeeren ausruhen können, da sie bereits mehr erreicht hatte, als von Frauen in ihrem Alter erwartet wurde. Viele ihrer Kolleginnen hatten der Ehe und Kinder wegen ihre Karriere bereits beendet bzw. unterbrochen. Doch Sawsan hatte eine Leidenschaft für die Forschung entwickelt. Sie wollte die Freiheiten und Möglichkeiten ausloten, die ihr die Welt der Wissenschaft bot. Sie wollte unbedingt im Ausland studieren, was sich für sie als Frau gar nicht so einfach darstellte. Ihre Eltern waren dagegen. „Ich kämpfte um die Zustimmung meiner Familie und gewann diesen Kampf. Auf die Unterstützung meines Umfelds habe ich allerdings vergebens gewartet.“ Schließlich bot sich Sawsan jedoch die Möglichkeit, die Welt der Mikroorganismen zu erforschen. Sie bewarb sich erfolgreich für ein von der EU gefördertes Erasmus-Mundus-Stipendium (Avempace) und erhielt 2012 eine Einladung aus Deutschland, genauer gesagt von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Für sie erfüllte sich ein Traum und sie machte sich auf den Weg in ein neues Leben in Deutschland.

Avempace (1085-1138), ein spanisch-arabischer Gelehrter im Mittelalter, war der Namensgeber des damaligen Programms Erasmus Mundus II (heute Erasmus+). Im Rahmen dieses Programms wurde die Mobilität von Stipendiaten in zahlreichen EU-Ländern gefördert. Von dieser Unterstützung konnten alle Statusgruppen der Universität profitieren: Studierende (Bachelor, Master, Promotion), Postdocs, Professor:innen und Mitarbeiter:innen. Von 2011 bis 2017 war die H-BRS Partnerin eines von der TU Berlin geleiteten Konsortiums. Unter dem Dach des Avempace-Projekts waren jordanische, syrische, palästinensische und teilweise auch libanesische Institutionen sowie Institutionen in zahlreichen EU-Ländern vereint. Die H-BRS nahm im Rahmen des Programms insgesamt 30 Stipendiaten auf, u. a. acht Doktorandinnen und Doktoranden – Sawsan Jaafreh war die Erste. Abla Alzagameem von der Tafila Technical University in Jordanien und Shatha Abu Shanab von der palästinensischen al-Quds-Universität in Jerusalem folgten ihr auf dem Fuß. Anfangs wurde an der H-BRS kontrovers darüber diskutiert, ob man Promovierende als Stipendiat:innen annehme könne, da nicht geklärt war, ob sie in Deutschland jemals die Doktorprüfung ablegen dürften. 2013 war das Recht von Fachhochschulen, ihre eigenen Doktortitel zu vergeben, noch in weiter Ferne, und auch 2020 wurde dieses Ziel noch nicht vollständig erreicht. Schließlich erklärten sich die Universität Bonn und die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) bereit, Sawsan und Abla als Doktorandinnen aufzunehmen, betreut wurden sie jedoch von der H-BRS am Campus Rheinbach.

Doktorandin Alzagameem steht vor ihrem Poster und erklärt es.
Doktorandin Abla Alzagameem 2014, Foto: Juri Küstenmacher

Die beiden fanden in Prof. Dr. Margit Schulze und Prof. Dr. Peter Kaul vom Fachbereich Angewandte Naturwissenschaften zwei mutige, unkonventionelle und zielorientierte Betreuer, die nicht nur die Herausforderung annahmen, unbekannte Kandidatinnen aus einem fremden Land und einer fremden Kultur zu betreuen. Sie nahmen auch die komplexe Aufgabe in Angriff, eine Dissertation an einer Fachhochschule zu betreuen. Diese Art der akademischen Betreuung war in der Tat ein Abenteuer mit vielen Unbekannten. Für Margit Schulze und Peter Kaul war es gleichermaßen spannend, anstrengend und bereichernd, die Nachwuchsforscherinnen zu motivieren und sich neue interkulturelle Kompetenzen anzueignen. Zudem kämpften sie häufig gegen die Windmühlen des deutschen Bildungssystems, von denen die Doktorandinnen aus Jordanien oft keine genaue Vorstellung hatten. Auch Shatha wurde von ihrem Betreuer Prof. Dr. Marco Winzker vom Fachbereich Elektrotechnik, Maschinenbau und Technikjournalismus am Campus Sankt Augustin hervorragend unterstützt. Sie promovierte 2018 an der Universität Siegen zum Thema „Remote and On-Site Laboratory Systems for Low-Power Digital Circuit Design“.

Während Abla im Rahmen ihrer Forschungsarbeit zu alternativen und nachhaltigen Verpackungsanwendungen verschiedene Arten von Ligninen untersuchte, begann Sawsan damit, die Raman-Spektroskopie mit chemometrischen Methoden zu kombinieren. Im Mai 2015 lief ihr Stipendium aus, ohne dass ein Ende ihres Dissertationsprojekts in Sicht war. Sawsan musste sich eingestehen, dass ihr neues Leben schwieriger war als erwartet. Kontakte knüpfen, sich in einem fremden Land mit einer schwierigen Sprache zurechtfinden, sich motivieren, das Studium finanzieren – all das waren Prozesse, die in Angriff genommen und erprobt werden mussten. Obwohl ihr Ziel manchmal in weite Ferne gerückt schien – was zum Teil an den für alle Forschungsprojekte typischen Rückschlägen und Unsicherheiten lag –, gab sie nie auf und verlor es nie aus den Augen. Ihre Betreuerin und ihr Doktorvater verloren auch nicht den Glauben. Sie unterstützten Sawsan unablässig und ermutigten sie zum Beispiel dazu, sich für ein Promotionsstipendium des Graduierteninstituts der H-BRS zu bewerben. Dadurch hatte sie von Juni 2015 bis Mai 2020 die erforderlichen finanziellen Mittel, um ihre Promotion zu einem guten Abschluss zu bringen. Prof. Rainer Herpers, Direktor des Graduierteninstituts, verfolgte ihre akademische Laufbahn mit großem Interesse. Bei der H-BRS war er in den vergangenen zehn Jahren Vorreiter für die Förderung des akademischen Austauschs zwischen dem Fachbereich Informatik und arabischen Partnerländern. Es verging kaum ein Jahr, ohne dass er sich höchstpersönlich für die internationalen Beziehungen in Jordanien, Libanon und Marokko einsetzte.

Doktorandin Jaafreh erhält eine Urkunde von zwei Professoren und dem Präsidenten der Hochschule.
Übergabe des Promotionsstipendiums 2015: Prof. Peter Kaul, Sawsan Jaafreh, Prof. Hartmut Ihne, Prof. Rainer Herpers. Foto: Eva Tritschler

Im Laufe von Sawsans Promotion kam die Relevanz ihres Themas immer deutlicher zum Vorschein: Sie sollte Methoden zur Charakterisierung und Analyse der Qualität und Haltbarkeit von Geflügelfleisch entwickeln, die traditionelle Techniken ersetzen könnten, da diese für die Fleischindustrie immer kostspieliger, arbeits- und zeitaufwändiger wurden und mit den modernen Anforderungen nicht mehr Schritt halten konnten. Die Raman-Spektroskopie ermöglicht die Untersuchung von Geflügelfleisch in Echtzeit. Letztendlich konnte Sawsan acht Bakterienstämme unterscheiden und klassifizieren, die mit Fleischverderb in Verbindung gebracht werden. Mikroorganismen, die üblicherweise in Geflügelfleisch vorkommen, überwachen den Verderbprozess und liefern Informationen über die Qualität und die verbleibende Haltbarkeit handelsüblich abgepackten frischen Hühnerfleischs. Die Forschung der Jordanierin ist für die Geflügelproduktion von großem Interesse.

Für Sawsan sollte die Forschung ein anwendungsorientierter, spannender, aber auch einsamer Weg sein, der bis zur letzten Minute ihrer Dissertation andauern würde. Aufgrund der Pandemie wurde ihr Rigorosum im August 2020 an der Universität Bonn per Videokonferenz durchgeführt: „Leider hat das Promotionskomitee angeordnet, dass ich allein im Fakultätsgebäude sein muss. Deshalb gibt es keine Aufnahme von meinem Rigorosum.“ Der letzte Schritt ihres Weges war in gewisser Weise sinnbildlich für die einsame Kriegerin, für die am Ende doch alles gut wurde. Sawsan durfte sich über ihren Titel Dr. rer. nat. mit „magna cum laude“ freuen und konnte voller Stolz das Dekanat des Fachbereichs für Mathematik und Naturwissenschaften an der Exzellenzuniversität Bonn verlassen. Peter Kaul wollte für seine Doktorandin unbedingt einen coronakonformen Umtrunk mit einigen Kollegen auf dem Campus Rheinbach organisieren. Kurz darauf lief ihr Visum aus und sie brach nach Jordanien auf. „Ich hoffe, dass ich die Menschen in Jordanien davon überzeugen kann, dass Frauen auch schwierige Situationen meistern und letztendlich erfolgreich sein können. Außerdem hoffe ich, dass ich von der deutschen Kultur ein positives Bild vermitteln und eine Brücke zwischen östlicher und westlicher Mentalität schlagen kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder noch so kleine Schritt etwas bewirken kann.“ In ihrer Stimme schwingt Dankbarkeit mit, aber auch die ernüchternde Gewissheit, dass in der momentan unsicheren Zeit eine neue Phase ihres Lebens begonnen hat. „Ich war acht Jahre weg. Seitdem hat sich hier viel verändert. Jetzt muss ich von vorn anfangen.“ An der H-BRS zweifelt niemand daran, dass Dr. Sawsan Jaafreh als Assistenzprofessorin an der Hashemite University erfolgreich sein wird. Im November 2020 schloss ihre Kollegin Dr. Abla Alzagameem ihre Promotion an der Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) ebenfalls mit „magna cum laude“ ab. Sie verabschiedete sich von ihrer stolzen Betreuerin, Prof. Margit Schulze, und ließ Rheinbach hinter sich, um in die Zukunft zu blicken, die – davon sind einige überzeugt – den Frauen gehört.