Wilma Viol - Pionierin der Digitalisierung

Freitag, 12. November 2021
Eine Doktorarbeit schreiben an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften? Ja, das geht! An der H-BRS unterstützt das Graduierteninstitut seit 2011 Promovierende mit Stipendien, Weiterbildungsmodulen und Angeboten zur Vernetzung. Allein am Fachbereich Informatik arbeiten aktuell 22 Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler an ihrer Doktorarbeit. Weitere zwölf haben sie bereits erfolgreich abgeschlossen. Die am Fachbereich Informatik aktuell bearbeiteten Themen reichen von Robotik über Visual Computing, IT-Sicherheit, Data Science bis zu Bioinformatik. Insgesamt betreut das Graduierteninstitut über 100 Promovierende. Aber selbst vor der formalen Gründung des Instituts fanden Promovierende an der H-BRS sehr gute Arbeitsbedingungen vor.
Wilma Viol
Wilma Viol an ihrem Schreibtisch in der VHS

Ein Interview mit Dr. Wilma Viol, die 2007 als eine der Ersten kooperativ promovierte, d.h., sie forschte an der H-BRS und wurde auch dort betreut. Den Doktortitel verlieh am Ende die Universität zu Köln als Partnerinstitution mit eigenem Promotionsrecht. Die H-BRS arbeitete auch in ihren Anfängen schon interdisziplinär – so ist Frau Dr. Viol, die am Fachbereich Informatik betreut wurde, studierte Psychologin. Schon sehr früh setzte sie sich mit den Folgen der Digitalisierung im Berufsleben auseinander. Das Gespräch führte Miriam Lüdtke-Handjery.

Was war das Thema Ihrer Promotion?

Unser Ziel war es, Personen zu schulen, die zuvor nicht mit neuer Technik gearbeitet haben (z.B. im Verkauf) und nun in ein neues Arbeitsgebiet mit Computer-Telefonie-Integration z.B. in Service Centern eingesetzt werden sollten. 

Diese verfügen über (Experten-)Wissen, doch in der neuen Tätigkeit müssen sie sich auf eine neue Arbeitsweise (Umgang über Kommunikationstechnologie statt persönlichem Gespräch) einstellen. Hier können Hemmnisse und sogar Ängste entstehen. Wie schätzt der Mitarbeiter bei der Umstellung des Arbeitsplatzes seine eigene Fähigkeit ein, mit diesem neuen technischen Arbeitsgerät umzugehen?

Die Dissertation befasste sich mit den Bedürfnissen der Einzelnen und verfolgte das Ziel, Schulungsmaßnahmen entsprechend der Persönlichkeitsdisposition (Selbstvertrauen und Motivation) anzuwenden und zu bewerten. Die Untersuchung wurde am Beispiel der Computer-Telefonie Integration (CTI) in Call- und Service-Centern durchgeführt, da dieses Arbeitsumfeld beispielhaft die schnelle technische Entwicklung und die damit verbundenen Möglichkeiten und Anforderungen repräsentierte. 

(siehe hierzu auch Dissertation, Dr. W. Viol S. 10 ff.)

"Zum Zusammenhang zwischen technischen Schulungsmaßnahmen und Effektanzerwartungen"

Als Sie promovierten, gab es noch keine institutionalisierte Unterstützung, z.B. durch das Graduierteninstitut. Wie funktionierte die Betreuung?

Die Dissertation wurde formal an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln angenommen. Mein Doktorvater war Professor Dr. E. Stephan. Die Betreuung an der H-BRS übernahm Prof. Dr. Neunast. Hier habe ich auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin gearbeitet und meine Forschungsarbeiten für die Promotion durchgeführt. Die Kooperation zwischen den beiden Hochschulen habe ich immer als sehr harmonisch empfunden. Die unterschiedlichen Perspektiven waren eine Bereicherung.

 

Beschreiben Sie kurz Ihren beruflichen Werdegang.

Nach der Schule habe ich zunächst eine Verwaltungsausbildung absolviert. Ab dann zieht sich das Thema Digitalisierung als roter Faden durch meinen Lebenslauf: 1990 habe ich selbst den Einzug des ersten Computers in die Verwaltung der Fachhochschule Köln (jetzt TH) erlebt. Da habe ich beobachtet, wie ehemalige ExpertInnen sich mit dem Umlernen schwertaten und Unsicherheiten zeigten. Mich bewegte dies dazu, das Abitur am Abendgymnasium Köln nachzuholen und Psychologie mit dem Schwerpunkt Arbeitsplatz - Umlernen und neu Lernen anzugehen.

Zu diesem Thema schrieb ich meine Magisterarbeit und näherte mich später in verschiedenen Projekten meinem Dissertationsthema. Nach der Promotion war ich als Referentin im Deutschen Volkshochschulverband e.V. tätig und habe 2008-2011 in verschiedenen Projekten zum Thema Alphabetisierung mitgewirkt. Im Anschluss war ich an der Fachhochschule Aachen als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich der Hochschuldidaktik tätig. Von 2014 bis 2018 leitete ich die VHS Dormagen.

Seit 2018 bin ich Leiterin der VHS Rur-Eifel und zugleich Fachbereichsleitung für Digitale Vielfalt und EDV. Hier lebe ich nun am Rande der Eifel, was sehr schön ist.

Absolventenhut
Foto: Colourbox

Was haben Sie während Ihrer Promotion dazugelernt und wie hat Ihnen das später im Berufsleben geholfen?

Die Projektarbeit in einem interdisziplinären Team (wir waren 2 Psychologinnen und 2 Informatiker) hat unfassbare Freude gemacht. Es war - auch gemeinsam mit Herrn Prof. Dr. Neunast - eine sehr gute, kreative und gelungene Zusammenarbeit. Ich profitiere sehr von den Erfahrungen, die ich dort sammeln konnte. Die Arbeit an zeitlich begrenzten Projekten habe ich als sehr flexibel empfunden. Zwar entstand Unsicherheit durch zeitliche Befristungen des Arbeitsverhältnisses, aber zugleich war der Lerneffekt sehr hoch und es gab kaum Routinen.

Ich erinnere mich sehr gerne an die Kolleginnen und Kollegen im Fachbereich. Das Arbeitsklima im Fachbereich Informatik war sehr gut, angefangen vom Sekretariat über die Administratoren bis hin zu den Professorinnen und Professoren. 

Haben Sie heute noch Kontakt zur Hochschule?

Zu allen drei Projektmitgliedern: Daniela Freiberger, Alfred Schug und Sebastian Reinders habe ich regelmäßig Kontakt. Herrn Prof. Dr. Neunast würde ich auch sehr gerne einmal wiedersehen. Er ist nun im Ruhestand. Ich wünsche ihm und seiner Familie alles erdenklich Gute.