Verändern KI und Maschinelles Lernen die Arbeitswelt?

Sonntag, 21. Juni 2020
Drei hochkarätige Impulsreferenten richteten in einem Online-Talk des Forums Verantwortung der H-BRS zusammen mit dem Betriebsrat des Fraunhofer IZB am 9. Juni ihren Blick auf die Folgen der voranschreitenden Digitalisierung. Der Fokus wurde dabei auf den Einfluss des verstärkten Einsatzes von Techniken maschinellen Lernens und künstlicher Intelligenz auf die Qualität künftiger Arbeit und auf das Angebot von Industriearbeitsplätzen gerichtet.
Roboter
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Anspielung auf Michelangelos "Erschaffung Adams"
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In einem Punkt waren sich die Referenten Prof. Dr. Klaus Dörre, Professor Dr. Christian Bauckhage und Andreas Röß, die das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln betrachteten, einig: Die voranschreitende Digitalisierung hat bereits heute massive Auswirkungen auf die Arbeitswelt und wird in starkem Ausmaß auf mittlere bis hochqualifizierte Tätigkeiten Einfluss nehmen. So werden bereits heute neuronale Netze in der Wirtschaftsprüfung eingesetzt, um beispielsweise Tabellen in Geschäftsberichten von Unternehmen auszulesen und abzugleichen. Auch in der Medizindiagnostik wird Künstliche Intelligenz eingesetzt, da diese – häufig sogar verlässlicher als medizinische Experten – Diagnosen stellen kann.

Prof. Dr. Klaus Dörre stützte seinen Impulsvortrag auf zehn Thesen, die sich u.a. kritisch mit den Auswirkungen auf Märkte, Geschäftsbeziehungen, unsere Arbeit, Nachhaltigkeit, Ethik und Gesellschaft auseinandersetzen. So beschrieb er anschaulich, dass neue Marktkräfte hinzukommen, indem beispielsweise Online-Plattformen zunehmend Einfluss auf die Kunde/Anbieter-Beziehung nehmen. Weiterhin kommt es durch Maschinelles Lernen und KI zu einer drastischen Bündelung von Wissen und somit zu einer immer stärkeren Abhängigkeit unserer Gesellschaft von wenigen großen Unternehmen. Gleichzeitig findet die zunehmende Digitalisierung nicht nachhaltig statt, da sie bereits heute für einen um 10% erhöhten Energieverbraucht verantwortlich ist – zumindest, solange nicht ausschließlich erneuerbare Energien genutzt werden. Abschließend fasste er zusammen, dass die Gesellschaft einen maßgeblichen Einfluss darauf hat, was aus Technik und Digitalisierung wird. Deshalb ruft er alle Menschen dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, sich kritisch mit diesbezüglichen ethischen Fragestellungen auseinanderzusetzen und die zukünftige Verwendung der Technologien zu reglementieren.  

Den Vortragsschwerpunkt auf ethische Aspekte und Empfehlungen zu deren Integration in der Praxis setzte Andreas Röß, der sich in dem von der EU finanzierten Projekt JERRI über mehrere Jahre intensiv damit beschäftigt hat, wie man gesellschaftliche Verantwortung und Wissenschaft bzw. Innovationen erfolgreich in Einklang bringen kann. Für ihn müssen die Folgen der Forschung an etwaigen Themen auf Ethik und Gesellschaft intensiv und interdisziplinär diskutiert werden. Die Dimensionen Sensibilisierung, Aufklärung und Reflexion nehmen dabei in der Forschung einen ganz besonderen Stellenwert ein.  

Prof. Dr. Bauckhage unterstrich in seinem Vortrag, dass intelligente Systeme kognitive Leistungen erbringen können, aber in fundamental anderer Form als der Mensch es tut. Er sieht durch KI und maschinelles Lernen möglicherweise eine große Chance für unsere Gesellschaft, z.B. im Umgang mit dem demografischen Wandel. Mit Blick auf die Zukunft konstatierte er, dass er riesige Sprünge in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz erwarte, aufgrund der immer größer werdenden Rechnerleistungen durch Quantencomputing. Aber er betonte auch, dass Prognosen in diesem Bereich äußerst schwierig seien, so dass beispielsweise vor 15 Jahren kaum ein Experte die heutige breite Verfügbarkeit von Rechenkraft vorhergesagt hat.

Die abschließende Diskussion nutzten die rund 200 Teilnehmenden und die Referenten, um die Vortragsinhalte und weitere interessante Aspekte zu KI aus verschiedenen Blickwinkeln tiefergehend zu beleuchten. Hier wurde beispielsweise auf die ökologischen Aspekte in der Entwicklung der neuen Technologien angesichts limitierter Ressourcen oder auf die Schwierigkeiten in der Technologiefolgenabschätzung eingegangen.

Über die Referenten:

Professor Dr. Klaus Dörre, Arbeitswissenschaftler und Soziologe der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Professor Dr. Christian Bauckhage, Professor für Informatik (Mustererkennung) an der Universität Bonn und Lead Scientist für maschinelles Lernen am Fraunhofer IAIS Sankt Augustin

Andras Röß, Competence Center Foresight des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI Karlsruhe