Mit jedem Klick verraten wir etwas über uns selbst

Montag, 1. Juli 2019
"Every breath you take, every move you make, (…) every step you take, I’ll be watching you" sangen The Police. Angelehnt an den Songtitel hat das Zentrum für Ethik und Verantwortung (ZEV) zusammen mit der Hochschul- und Kreisbibliothek Rheinbach am Freitag, 14. Juni 2019, zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Every Breath You Take - Datenspuren im Internet" eingeladen. Während sich der Popsong aus den achtziger Jahren noch auf die private Obsession eines fehlgeleiteten Liebenden bezog, ist es heute die Datensammelwut global agierender Konzerne, die uns beunruhigt und uns dazu zwingt, über unser Verhalten in der digitalen Welt nachzudenken. Denn heute werden wir alle beobachtet, zumindest wenn wir im Internet unterwegs sind.

Jeder Webseitenbesuch, jede App und jeder Klick hinterlässt Spuren. Im Internet gibt es keine Services umsonst - wir bezahlen immer mindestens mit unseren Daten, ob bei SPIEGEL-Online, Instagram oder Facebook. Unser Nutzerverhalten verrät dabei viel über unsere Gewohnheiten, unser Privatleben und ganz wichtig unser Konsumverhalten. Daten sind daher längst ein wichtiges ökonomisches Gut geworden. Der Umgang mit unseren Daten wirft aber auch viele Fragen nach einem ethischen Umgang und verantwortlichem Handeln auf. Im Rahmen der Veranstaltungsreihen Talk im Forum Verantwortung und Zu Gast auf dem Sofa diskutierte Gert Scobel mit dem Datenanalysten David Kriesel und dem Informatikprofessor Gunnar Stevens über ethische Herausforderungen im Zeitalter von Metadaten und Big Data.

Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
David Kriesel stellt die Auswertung seiner Daten vor

Zunächst führte David Kriesel in die Welt der Datenanalyse ein. Am Beispiel von Artikeln bzw. deren Daten, die er über einen Zeitraum von zwei Jahren bei SPIEGEL ONLINE gesammelt hat, zeigte er, dass aus öffentlich zugänglichen Daten Rückschlüsse auf die Unternehmensstrategie aber auch auf sehr unterschiedliche und teils auch private Verhaltensweisen der Redakteur*innen gezogen werden können, und dass die Interpretation der Daten nicht neutral ist. Denn wir begegnen Daten mit unseren eigenen Vorurteilen, blenden eventuell andere mögliche Erklärungen aus oder erkennen nicht, dass Daten gesellschaftliche Vorurteile reproduzieren. Dass David Kriesel nur mit den öffentlich zugänglichen Daten arbeiten konnte und wollte, legt auch nahe, welch ungleich größeres (Missbrauchs-)Potential für privatwirtschaftliche und staatliche Akteure bestehen kann. Einen umfassenden Schutz gegen die eigene Spur, abgesehen von der digitalen Abstinenz, gibt es für David Kriesel nicht. Es bleibt unsere Aufgabe, bewusst mit unseren Daten umzugehen.

Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
David Kriesel, Gunnar Stevens und Gert Scobel im Gespräch

Gunnar Stevens machte darauf aufmerksam, dass selbst scheinbar harmlose entpersonalisierte Daten – sogenannte Metadaten – viel über uns selber verraten können. Indem uns diese Daten in Form von Empfehlungen zurückgespiegelt werden – „Sie haben dieses Produkt bei uns gekauft; dann mögen Sie vielleicht auch jenes“ – können sie dazu benutzt werden, unser reales Verhalten zu beeinflussen. Während in den Wissenschaften die Daten selbst, aber auch die Methoden ihrer Aufarbeitung für alle transparent gemacht werden, versteckt sich die Industrie hinter einem geheimnisvollen Schleier des Nichtwissens. Algorithmen, Bewertungen, die genaue Anzahl der Daten und die Art der verwendeten Informationen werden vor den Nutzer*innen geheim gehalten. Zugleich werden die Methoden des „kundenorientierten Informierens“ jedoch als wissenschaftlich dargestellt. Geleitet von eigenen ökonomischen Interessen dienen die Methoden von Big Data und Datenanalyse nicht nur dazu, das Wissen zu vermehren, sondern auch so viel wie möglich aus dem Nutzerverhalten herauszufinden – bis hin zur Entschlüsselung der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft oder der sexuellen Orientierung. Wir sollten uns daher auch in einer Demokratie nicht zu sicher fühlen, da solche Kenntnisse langfristig missbraucht werden könnten – von Unternehmen ebenso von Regierungen. Dieselben Daten, deren Sammlung heute legitim und scheinbar unbedeutend zu sein scheint, können nach einem Regierungswechsel dazu benutzt werden, Menschen mit Hilfe neu entwickelter Analysetools massiv zu beeinflussen oder unter Druck zu setzen.

Uneinigkeit bestand vor allem in der Frage, ob eine eingreifende Regulierung den Schutz der Bürger*innen erhöhen kann. Während Gunnar Stevens hier durchaus Chancen sieht, warnte David Kriesel davor, die Wirkung von Regulierung zu überschätzen. David Kriesel wies dann auch noch mal drauf hin, dass „das ethisch Wichtigste ist, das Gehirn nicht abzuschalten"