There and back again: Studentin der H-BRS in Ghana

Dienstag, 1. August 2017
Lioba Visser, Studentin der H-BRS im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, lebte und arbeitete fast ein halbes Jahr lang in Afrika, am Campus der Cape Coast University in Ghana. Hier berichtet sie uns von ihren dortigen Erfahrungen rund um Marktforschung für Wäschestärke, über einen Campus in Stadtgröße und das alltägliche Improvisieren, ohne welches das Leben in Ghana kaum möglich wäre.
Studentin der H-BRS in Ghana 2016/2017
Lioba Visser mit Studierenden der Cape Coast University (Ende 2016)

H-BRS: Wie kamst Du auf die Idee nach Ghana zu gehen und wie hast Du das finanziert?

Lioba Visser: Da in unserem Studiengang (Betriebswirtschaft) ein Praxissemester obligatorisch ist, dachte ich mir, ich verbinde das Notwendige mit dem Interessanten und gehe ins Ausland. Dass es dann Ghana wurde, verdanke ich auch dem Vizepräsidenten Jürgen Bode und dessen Afrikaprojekt und Regina Brautlacht vom Sprachenzentrum, die das Intercultural Student Project zwischen der H-BRS und der Partnerhochschule Cape Coast University betreut. Über diese Wege kam ich dann auch an ein Stipendium für die Bachelorarbeit über die Marktforschung, die ich während des Praxissemesters durchgeführt habe.

Studentin der H-BRS in Ghana 2016/2017
Warum tragen die Ziegen auf dem Campus keine Capes?

H-BRS: Du hast über ein halbes Jahr lang in Cape Coast gelebt und gearbeitet. Wie unterscheidet sich das Leben in Ghana vom Alltag in Europa?

Visser: Zunächst war es für mich eine vollkommen neue Welt: Wo begegnet man beim Weg zur Arbeit schon einer bemalten Hühnerfamilie, die in Superman-Capes die Straße überquert? Wo wird der Verkehr von Freiwilligen geregelt, denen man für ihre Arbeit ein Trinkgeld gibt? Das sind jetzt nur zwei Eindrücke, die vielleicht ein bisschen zeigen, wie anders es dort zugeht.

Aber das sind jetzt so "exotische", visuelle Impressionen; letztlich waren es die Menschen dort, die in mich am meisten beeindruckt haben. Die Ghanaer sind unheimlich tolerant, insbesondere gegenüber anderen Religionen. Ich habe katholische Mitarbeiter erlebt, die muslimische Lieder auf gemeinsamen Festen gesungen haben - und das, obwohl die Menschen sehr religiös sind. Gegenüber Fremden sind sie sehr offenherzig, dabei aber immer höflich und voller Respekt.

​Natürlich gibt es auch die andere Seite: Polizisten, die willkürlich eine Straße sperren und dann Geld dafür verlangen, dass man weiter fahren darf. Und dass die Kinder der Armen arbeiten und Geld verdienen müssen, ist leider ganz normal.

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Lioba Visser beim Workshop zum Thema E-Learning

H-BRS: Du hast ja auf dem Campus der Cape Coast University (UCC) gearbeitet, kannst Du den Campus ein wenig beschreiben?

Visser: Der Campus ist riesig, wie eine richtige Stadt! Auf dem Gelände leben auch tausende Studierende, es gibt Geschäfte, ein eigenes Krankenhaus, eine Feuerwehr, zahllose Studentenwohnheime und Kirchen und schließlich die Shuttlebusse, da man sonst ewig unterwegs wäre.

H-BRS: Ok, jetzt geht's ans Eingemachte: Wie sah Dein Praktikum aus?

Visser: Ich war als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Campus tätig und habe dort Professor Daniel Agyapong bei einem Studentenprojekt zur interkulturellen Kommunikation und bei einem Workshop zum Thema E-Learning unterstützt. Die eigentliche Praktikantentätigkeit bei einem Unternehmen war aber folgende: Ich habe als Marktforscherin in einem nigerianischen Betrieb gearbeitet. Man wollte wissen, ob der ghanaische Markt für ein weiteres Wäschestärke-Produkt bereit wäre. Das Behandeln der Kleidung mit Wäschestärke ist hier nämlich an der Tagesordnung. 

Ich habe dann einen ziemlich umfangreichen Fragenbogen erstellt: Wo wird eingekauft? Welche Werbemedien werden besonders wahrgenommen, wie soll das Produkt riechen, welche Art von Verpackung wird präferiert? Lieber als Spray oder als Pulver?
​Die Fragebögen gingen per Post an über 500 Fernstudenten der UCC, eine sehr hetereogene Gruppe, die aber überwiegend arbeitet und Geld verdient. 350 Antworten habe ich bekommen, die habe ich ausgewertet und alle händisch ins Netz übertragen. Das Ergebnis war sehr postiv für das Unternehmen: der Markt für Wäschestärke in Ghana ist noch lange nicht gesättigt.

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Wo war noch mal die Bar?

H-BRS: Wow, Du warst ziemlich fleißig. Blieb denn auch ein wenig Zeit für Freizeitaktivitäten?

Visser: Ich war viel unterwegs, habe die Hauptstadt Accra besucht und in der Stadt Elmina mit meiner ghanaischen Mitbewohnerin dort die alten Sklavenforts besichtigt. Am Abend eines typischen Werktages trafen sich freiwillige Helfer aus dem Ausland oft am Strand von Cape Coast, wo zwei Deutsche aus Süddeutschland eine Bar und ein Hotel betreiben. Das war so ein typischer internationaler Treffpunkt, sehr entspannt.

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Egal in welchem Universum: Pizzaservice kommt immer (meist zu spät)

H-BRS: Apropos Restaurant, was isst man in Ghana, außer Pizza vom Lieferservice?

Visser: (grinst) Die Pizza mit den Kollegen war schon die Ausnahme. Es gibt oft Reis oder Fufu, einen Brei aus Yamwurzeln und Backbananen. Die ghanaischen Frauen haben alle ziemlich viel Kraft, wegen der anstrengenden Herstellung des Fufu, das mit einem riesigen Mörser gemacht wird. Besonders ist auch, dass man hier alles mit den Händen isst, sogar Suppen. Daran muss man sich erst mal gewöhnen.

H-BRS: Lioba, vielen Dank, dass Du Dir so viel Zeit für uns genommen hast, und danke auch für die ganzen Bilder, die Du aus Ghana mitgebracht hast!

Eine kleine Bildergalerie

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