Stabsstelle Kommunikation und Marketing
Susanne Kundmüller-Bianchini: In Love with Shakespeare
Susanne Kundmüller-Bianchini glaubt das nicht, und lacht dabei. Aber es stimmt ja auch: Bücher, Shakespeare, die englische Sprache – all dies sind Dinge, die den Lebensweg der Leiterin der Hochschulbibliothek der H-BRS ganz entscheidend geprägt haben. Und wie passt das Bier in diese Reihe? Als Beinahe-Kölnerin weiß sie jedenfalls um die Bedeutung des Kulturguts und seine erfrischende Wirkung, genießt ansonsten aber lieber ein Glas Wein.
An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist der Name von Susanne Kundmüller-Bianchini untrennbar verbunden mit der Bibliothek. Seit September 2025 leitet sie die Hochschul- und Kreisbibliothek. An die Hochschule gekommen ist sie 22 Jahre zuvor als stellvertretende Leiterin neben Armin Ehrhardt.
„Die Liebe zur Literatur war immer schon vorhanden“, sagt sie. Aufgewachsen in einem Haushalt, in dem Bücher eine wichtige Rolle spielten, hatte sie nach der Schule überlegt, eine Ausbildung zur Bibliothekarin zu machen. Sie entschied sich dann doch für ein Magisterstudium in Köln und wählte Anglistik, Politikwissenschaften und Slawistik. In dieser Zeit traf sie auch ihren späteren Mann, einen Australier, dem sie während eines Wochenendes in Paris, wie es der romantische Zufall wollte, vor Sacré-Coeur über den Weg lief. Die Begegnung kurbelte ihr Interesse an der englischen Sprache deutlich an, was gut war für den Job, den sie nach dem Studium übernahm: Das Übersetzen von englischer Literatur ins Deutsche. Sie fand großen Gefallen daran, „Problemlöserin“ zu sein und die passenden Formulierungen in der eigenen Sprache zu finden. Neun Jahre machte sie das, bis sich eine zweite Chance für die Bibliothek ergab: Die FH Köln bot einen neuen Master-Studiengang in Bibliotheks- und Informationswissenschaften an, und die Übersetzerin dachte sich: „Jetzt oder nie.“ Damit es nicht so theoretisch blieb, bewarb sie sich gleichzeitig auf eine halbe Stelle in der Universitätsbibliothek Essen, wo sie, wie könnte es anders sein, Fachreferentin für Anglistik war.
Den Master in der Tasche, trat Susanne Kundmüller dann im November 2003 die Stelle an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg an. Es war eine bewusste Entscheidung für eine Fachhochschule, blickt sie zurück, denn die Aufgabengebiete sind vielfältiger und die Wege kürzer als in einer universitären Einrichtung. „Bis heute finde ich: es ist sehr persönlich hier“, sagt sie. Und schätzt dabei, dass die wissenschaftliche Bibliothek der H-BRS zugleich auch öffentliche Kreisbibliothek ist und ein breites Spektrum bietet, in dem es sich innovativ arbeiten lässt und vieles bewegt werden kann.
Das Liebhaberinnenprojekt: Lesereihe „Zu Gast auf dem Sofa“
Und bewegt hat sie tatsächlich einiges bei den Themen, die ihr am Herzen liegen. Ganz sicher gehören die Veranstaltungen der Reihe „Zu Gast auf dem Sofa“ dazu, deren Moderatorin sie seit vielen Jahren ist. Die Reihe gab es schon, als sie an die Hochschule kam. Stand anfangs noch das „gehobene“ Sachbuch, passend zum Fächer-Profil der Hochschule, im Mittelpunkt, kam später auch die Literatur mit ins Programm, die Zahl der Veranstaltungen stieg stetig. „Das Sofa war eine Art Liebhaberinnenprojekt“, sagt sie, „welches sich sehr gut entwickelt hat.“ Anfangs gab es manches zu improvisieren. Es wurden Einladungen selbst gefaltet, Mikrofonanlagen durch die Hochschule gekarrt und Getränke für die Gäste eingekauft. Heute ist die Reihe professionell organisiert und eine geschätzte Konstante im Kulturbetrieb der Region, die mit herausragenden aktuellen Büchern und namhaften Autorinnen und Autoren aufwarten kann.
Ein eigenes Buch könnte Kundmüller-Bianchini mit den Anekdoten rund um die geladenen Gäste füllen. Da gab es etwa den kritischen Philosophen, der blind dem Navi vertraute und den falschen Campus ansteuerte, den jüdischen Professor, der koscheres Essen wünschte, oder die Biographie-Autorin, die bei der Lesung erstmals ihre Halbgeschwister kennenlernte. Ein bisschen stolz ist sie auf das feine Gespür, das sie und die vielen Mitstreiterinnen und Mitstreiter bei der Programmauswahl bewiesen haben – nicht wenige der Debütantinnen und Debütanten bei „Zu Gast auf dem Sofa“ haben später Preise und Auszeichnungen gewonnen. Und nicht wenige der Autorinnen und Autoren sind gerne wieder gekommen und haben erneut auf dem Sofa Platz genommen.
Ein anderes Thema, dem sich Kundmüller-Bianchini intensiv gewidmet hat, ist das der Digitalisierung. Galt es zunächst, die Digitale Bibliothek der Hochschule aufzubauen und sie mit einer Vielzahl von E-Medien und E-Ressourcen auszustatten, übernahm sie ab 2010 das Großprojekt E-Learning der Bibliothek. Für das sie, weil aller guten Dinge drei sind, in ein weiteres berufsbegleitendes Studium startete, mit dem sie sich medientechnisch und -didaktisch fit machte. Aus der ursprünglichen Aufgabe, die Lernplattform LEA an der Hochschule einzuführen, entwickelte sich schnell ein umfangreiches E-Learning-Service-Angebot, bei dem die individuelle Beratung und Betreuung von Lehrenden und Studierenden im Mittelpunkt steht. Auch aus dem kleinen, hochmotivierten Projektteam, mit dem Kundmüller-Bianchini begonnen hat, ist heute eine ausdifferenzierte Abteilung geworden, die neben der Lernplattform Themen wie E-Prüfungen oder Videoeinsatz in der Lehre bearbeitet. Die Bibliothek ist so breit aufgestellt bei den Services rund um das digitale Lehren und Lernen, und längst ist sie auch Produzentin eigener Inhalte wie etwa dem Podcast „Bildungsfenster“.
Dass das gedruckte Buch ein Auslaufmodell ist, glaubt die Bibliotheksleiterin indes nicht. Schon allein deshalb, „weil es manches Lehrbuch weiterhin nur in Papierform gibt.“ Anhand der Ausleihzahlen sieht sie natürlich, dass sich das Leseverhalten mehr und mehr ins Digitale verschiebt und die Regale leerer werden. Dafür könne die Bibliothek mehr Lernplätze anbieten. „Der Wandel vom ‚Hort der Medien‛ zu einem Ort der Begegnung ist das“, sagt sie, „was moderne Bibliotheken heute ausmacht.“ Für ihre Bibliothek verfolgt sie die Strategie, inspirierende Lernumgebungen zu schaffen, die mit einer hohen Aufenthaltsqualität und hochwertigen Medienangeboten punkten. Den Erwerb grundlegender akademischer Fertigkeiten zu unterstützen, steht ebenfalls im Fokus. Denn auch in Zeiten von KI kann auf Lese- und Schreibkompetenz nicht verzichtet werden, davon ist Kundmüller-Bianchini überzeugt.
Sie selbst liest gerne auf Papier, wenn es ihre Zeit erlaubt, und liebt es, sich in Geschichten hineinziehen zu lassen: „Dabei geht es mir nicht so sehr um den Stoff, sondern eher um die Art, wie erzählt, wie Sprache benutzt wird.“ Sie mag den ungewöhnlichen Blick auf die Dinge, schätzt ungewohnte Konstellationen, Brüche, Bizarres. So wie im Roman „Flesh“ des Booker-Preisträgers David Szalay, der aktuell auf ihrem Nachttisch liegt. In ihrer Freizeit spielt sie Geige, geht Tanzen oder Wandern in den Bergen. Vor allem Letzteres ist zuweilen mühsam, weiß sie, „aber wenn man oben ankommt, ist es ein großartiges Gefühl.“ Überhaupt findet sie, dass es sich lohnt, „nicht immer den bequemsten Weg zu gehen.“ Oder um es mit Shakespeare zu sagen: „Was ihr nicht tut mit Lust, gedeiht euch nicht.“
Text: Martin J. Schulz