Wenn Lernende lehren: H-BRS setzt auf Peer Teaching

Donnerstag, 24. März 2022
ID: 
044/03/03-2022
An der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg übernehmen Studierende die Rolle von Lehrkräften. Eigens ausgebildete Studierende führen am Fachbereich Elektrotechnik, Maschinenbau und Technikjournalismus ihre nur wenig jüngeren Kommilitoninnen und Kommilitonen in die Geheimnisse von computergestütztem Konstruieren und Leiterplattendesign ein. Die Auswertung der Erfahrungen zeigt: Alle Seiten profitieren davon - auch die hauptamtlichen Lehrkräfte.
Das Bild zeigt eine Gruppe von Studierenden, die Mitglieder von BRS Motorsport sind, mit Dirk Reith vor dem Elektrorennwagen; im Hintergrund ein Hochschulgebäude
Die aktuelle Peer-Teacher-Gruppe mit Professor Dirk Reith (li.). Foto: H-BRS

An den Universitäten und Hochschulen gehören sie seit Langem zum gewohnten Bild: Fortgeschrittene Studierende, die als Tutoren in speziellen Kursen ihr Wissen an nahezu gleichaltrige weitergeben, die noch nicht so lange studieren. Auch die H-BRS arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich mit dem Tutoren-Konzept. Der Fachbereich Elektrotechnik, Maschinenbau und Technikjournalismus hat das Konzept der Bildung unter Gleichen nun jedoch auf eine neue Ebene gehoben: Studierende konstruieren und bauen gemeinsam einen Elektro-Rennwagen. Das technische Wissen und die Erfahrungen, die sie dabei sammeln, geben sie selbständig an jüngere Semester weiter, während sich ihr Professor auf eine beratende und unterstützende Rolle beschränkt.

„Das herkömmliche Tutoren-Modell ist in diesem Fall weniger geeignet“, sagt Projektleiter Professor Dirk Reith, „denn hier geht es um praktische Aufgaben, für deren Lösung ein vertieftes Wissen über die Anwendungen erforderlich ist - über welches die Studierenden am besten verfügen. Zugleich ist es mein Ziel, Kompetenzen zu schulen, die später in ingenieurwissenschaftlichen Berufen erwünscht sind.“

Spezialwissen durch Design und Bau eines Elektro-Rennwagens

Die studentischen Lehrkräfte haben ein mehrstufiges Programm durchlaufen, bevor sie als „Peer Teacher“ auf die andere Seite des Pultes wechseln durften. Der englische Begriff Peer ist in der Pädagogik etabliert als Bezeichnung für „Gleichgestellte“ oder „Gleichaltrige“. Eine Peergroup ist folglich eine soziale Bezugsgruppe, deren Mitglieder ähnliche Erfahrungen miteinander teilen. 

Sie alle gehören dem BRS-Motorsport-Team der H-BRS an und haben sich beim Design und dem Bau eines Elektro-Rennwagens tiefgehendes Spezialwissen angeeignet. Da sie als Team regelmäßig an internationalen Wettbewerben teilnehmen, haben sie zudem viel Erfahrung gesammelt in Teamführung und Projektmanagement. Und die erfahrenen Teammitglieder sind es gewohnt, ihr Wissen in teaminternen Schulungen mit den Jüngeren zu teilen, da sie nur so bei den anspruchsvollen Wettbewerben erfolgreich sein können.

Studierende vom Team brs Motorsport und Faculty Advisor Prof. Dirk Reith mit Rennwagen Luna der in der Werkstatt
Teamarbeit ist gefragt in der Motorsportgruppe der Hochschule. Foto: Juri Küstenmacher

Acht fortgeschrittene Mitglieder des BRS Motorsport haben sich nun bereitgefunden, Kurse in den Bachelor-Studiengängen Maschinenbau und Elektrotechnik anzubieten. Dort haben sie ihren Mitstudierenden Methoden des computergestützten Konstruierens und fortgeschrittene Software für den Entwurf von Leiterplatten vermittelt. Jeder Kurs wurde von bis zu 40 Studierenden gewählt und wird mittlerweile in zwei aufeinanderfolgenden Semestern angeboten.

Für Professor Dirk Reith als Projektinitiator und -betreuer ist es für den Erfolg des Peer-Teaching-Konzeptes entscheidend, dass die Peer-Lehrer Experten für ihr Thema sind und ihre Kurse eigenständig vorbereiten und abhalten. Das erlaube es ihm, seine Zeit für die Schulung der studentischen Lehrkräfte einzusetzen, für Beratung und Qualitätskontrolle. Hierzu hat er bereits vor eigenen Jahren eine Race Academy gegründet, in der er den Wissenstransfer des Teams didaktisch-methodisch begleitet.

Pragmatische Lösung für die Leistungsbewertung

Die Übernahme von regulären Kursen im Angebot der Hochschule bedeutet für die unterrichtenden Studierenden auch: Kontrolle der Anwesenheit und Bewertung der Leistung. Für Letzteres haben die künftigen Ingenieure eine pragmatische Lösung gefunden, wie Alexander Rundau, Elektrotechnik-Student im 7. Semester, berichtet: „Alle Kursteilnehmer haben am Schluss eine Präsentation von ihrem Projekt vorgestellt. Das konnte ein Schaltplan oder eine Platine sein. Und in der Regel war allen Beteiligten klar, ob die Gruppenteilnehmer die Zeit produktiv genutzt haben und das neu erlernte Wissen anwenden konnten.“

Rundau zieht für sich, wie seine unterrichtenden Kommilitonen auch, eine positive Bilanz seiner Lehrtätigkeit: „Ich denke, dass die Kursteilnehmer sich wohlgefühlt haben und wir ihnen etwas beibringen konnten. Für mich selbst habe ich erlebt, dass ich durch die Vorbereitung auf den Unterricht die Themen noch tiefer durchdrungen habe.“

Auch der Fachbereich bewertet das Konzept der Bildung unter Gleichen als wertvolle Ergänzung für das Kursprogramm. Die Leistungsanalysen hätten gezeigt, so Professor Reith, dass nicht nur die Kursteilnehmer hervorragende Lernergebnisse erzielten, sondern auch die Peer-Lehrer enorm davon profitierten. „Die Erfahrung, erfolgreich komplexes technisches Wissen zu vermitteln, mehrte auch ihr Selbstvertrauen und bereitet sie auf die Übernahme von Verantwortung in zukünftigen Führungspositionen vor.“

Auch die Fachwelt beschäftigt sich bereits mit dem neuen Konzept der H-BRS: Das Lehrkonzept wurde für die Veröffentlichung von zwei Artikeln angenommen, die auf der IEEE Global Engineering Education Conference (EDUCON) 2022 im tunesischen Gammarth vorgestellt werden. Die Fachkonferenz wird vom 28. bis 31. März abgehalten.