Innovationspreis für das Forscherduo Syrek und Weigelt

Montag, 23. September 2019
ID: 
114/04/09-2019
Christine Syrek, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, und Dr. Oliver Weigelt, Universität Rostock, erhalten für ihre gemeinsame Forschungsarbeit den Innovationspreis der Fachgruppe Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie (AOW) der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs).
Prof. Dr. Christine Syrek. Foto: privat
Prof. Dr. Christine Syrek (Hochschule Bonn-Rhein-Sieg) und Dr. Oliver Weigelt (Uni Rostock) erhalten den AOW-Innovationspreis. Foto: privat

Für ihre Arbeiten zur Wirkung unerledigter Aufgaben wird Prof. Dr. Christine Syrek und Dr. Oliver Weigelt auf der Jahrestagung der AOW am 27. September 2019 in Braunschweig der Innovationspreis verliehen. Die Fachgruppe zeichnet Personen aus, die in besonderer und innovativer Weise zum Fortschritt in der Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie beigetragen haben. Es handelt sich dabei um Arbeiten, die die Entwicklung neuartiger Modelle oder Methoden verfolgen und die erfolgreiche Anwendung innovativer Konzepte zur Lösung praktischer und gesellschaftlicher Probleme vorantreiben.

Der AOW-Innovationspreis ist mit 2.000 Euro dotiert.

Dr. Oliver Weigelt, Universität Rostock. Foto: Newschool/Heller
Dr. Oliver Weigelt (Uni Rostock). Foto: Newschool/Heller

Syrek und Weigelt haben eine Serie von Studien durchgeführt, um anhand der an sich alten Forschungsidee zu „unerledigten Aufgaben“ einen neuen Blick auf die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts zu werfen. „Unerledigte Aufgaben als Konzept wurden bereits in den Anfängen der modernen Psychologie intensiv beforscht“, erklärt Prof. Christine Syrek. Die heutige Arbeitswelt sei allerdings durch ein hohes Maß an Flexibilisierung geprägt, so dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fließend verlaufen. Syrek weiter: „In unserer Studienserie gingen wir den Fragen nach, inwieweit unerledigte Aufgaben die Erholung am Wochenende stören und wie diese Wirkung erklärt oder verringert werden kann.“ „Wir wollten auch wissen, inwieweit unerledigte Aufgaben zu mehr Arbeit in der Freizeit führen und es sogar sinnvoll sein kann, sie am Wochenende zu Ende zu bringen“, ergänzt Weigelt. Zu guter Letzt gingen Syrek und Weigelt der Frage nach, welche Rolle unerledigte Aufgaben im Beruf oder im Privaten für das Wohlbefinden vor einem Urlaub und speziell in der Vorweihnachtszeit spielen.

Zur Studienserie: Ergebnisse und Nutzen

Bedingt durch die Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie in Kombination mit flexibleren Arbeitsarrangements ist es inzwischen in vielen Berufen möglich, orts- und zeitunabhängig zu arbeiten. „Always on“ bringt neben vielen Vorteilen jedoch besonders durch den Aspekt des „never done“ Herausforderungen an das Individuum mit sich.

Das Konzept unerledigter Aufgaben hat eine lange Tradition in der psychologischen Grundlagenforschung. So beschäftigten sich bereits die Pioniere der modernen Psychologie mit der Frage, inwieweit Unerledigtes unser Denken und Handeln prägt. Bluma Zeigarnik und Maria Ovsiankina, Wera Mahler und Käte Lissner untersuchten in den 1920er Jahren als Doktorandinnen von Kurt Lewin, welche Auswirkungen unerledigte und unterbrochene Handlungen haben.

In vier Artikeln haben die Syrek und Weigelt das Konzept unerledigter Aufgaben auf die heutige Arbeitswelt übertragen und ihre Auswirkungen auf die Erholung am Wochenende betrachtet:

In der ersten Studie liefern sie Belege dafür, dass sich unerledigte Aufgaben am Ende der Arbeitswoche ungünstig auf die Schlafqualität am Wochenende auswirken, weil Unerledigtes zu mehr arbeitsbezogenem Grübeln führt. Das Grübeln hält das Unerledigte gedanklich präsent und beeinträchtigt damit den Schlaf.

Im zweiten Artikel sind sie der Frage nachgegangen, inwieweit unerledigte Aufgaben am Ende der Arbeitswoche zu zusätzlicher Arbeit in der Freizeit am Wochenende führen und haben geprüft, warum genau Personen ihre Arbeit in der Freizeit wieder aufnehmen. Syrek und Weigelt können zeigen, dass ein Mehr an unerledigten Aufgaben eher zur Wiederaufnahme der Arbeit in der Freizeit führt. Wenn aber Personen durch die Arbeit am Wochenende Fortschritte machen, ist auch Entspannung wieder möglich.

In der dritten Studie wurde untersucht, inwieweit proaktives Verhalten innerhalb der Arbeitswoche die negativen Effekte von unerledigten Aufgaben aufhebt. Proaktives Verhalten bezieht sich auf verschiedene Formen selbstinitiierten, freiwilligen Arbeitsverhaltens, die im Wesentlichen auf die Verbesserung von eigenen Fertigkeiten oder Arbeitsabläufen abzielen. Die ungünstigen Effekte von unerledigten Aufgaben auf das Erleben von Kompetenz und auf das Grübeln über die Arbeit fallen schwächer aus, wenn Personen sich in der Arbeitswoche in proaktivem Verhalten engagiert haben.

In der vierten Studie zeigen die Autoren die Holiday Happiness Curve am Beispiel von Weihnachten: Das Wohlbefinden steigt vor dem Urlaub erheblich, findet seinen Höhepunkt im Urlaub und verringert sich dann wieder. Ein Rückgang unerledigter Aufgaben über die Zeit steht in Verbindung mit stärkeren Verbesserungen des Wohlbefindens in der Zeit vor dem Urlaub. Dies gilt insbesondere für Aufgaben aus dem privaten Bereich.

Der innovative Wert der vorgestellten Studien liegt weniger im Konzept unerledigter Aufgaben selbst, sondern vielmehr in der Übertragung verschiedener Prinzipien der Feldtheorie von Kurt Lewin auf den Kontext der heutigen Arbeitswelt. Insofern gehen diese Studien weit über konzeptuelle Replikationen der Ergebnisse von Zeigarnik, Ovsiankina, Mahler und Lissner hinaus: Intensivierte längsschnittliche Studiendesigns über mehrere Monate hinweg ermöglichen es, Veränderungen und Schwankungen im Wohlbefinden in Zeiträumen zu betrachten, die aus theoretischer Sicht als hochrelevant zum Verständnis von gesundheitlicher Beeinträchtigung durch die Arbeit angesehen werden. Gleichzeitig adressieren die Studien verschiedene Fragen von hoher praktischer Relevanz.

Die Preisträger

Christine Syrek ist Professorin für Wirtschaftspsychologie, insbesondere Kommunikation und angewandte Sozialpsychologie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Zu ihren Forschungsthemen gehören Erholung von arbeitsbezogenem Stress, Veränderung der Arbeitswelt durch die Digitalisierung sowie E-Mental-Health. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht aktuell die Entwicklung von (app-basierten) Interventionen zur Förderung der psychischen Gesundheit und zur Verlängerung des Urlaubseffekts.

Dr. Oliver Weigelt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Organisations- und Personalpsychologie der Universität Rostock. Er wurde 2012 an der FernUniversität in Hagen promoviert. Schwerpunkt seiner Arbeit bildet das Thema arbeitsbezogener Stress und Erholung. Weitere Themenfelder sind proaktives und kontraproduktives Verhalten bei der Arbeit. Im Mittelpunkt seiner derzeitigen Forschung stehen Erklärungen für Phänomene wie den Blue-Monday- und den Thank-God-It‘s-Friday-Effekt.

Kontakt:

Prof. Dr. Christine Syrek
Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
Tel. +49 2241 865-9833
E-Mail: christine.syrek@h-brs.de

Dr. Oliver Weigelt
Universität Rostock
Institut für Betriebswirtschaftslehre
Tel. +49 381 498-4085
E-Mail: oliver.weigelt@uni-rostock.de

Die Fachgruppe Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie

Die Fachgruppe Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie ist mit ca. 800 Mitgliedern die größte Sektion innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie ist die größte Berufsvereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologen und Psychologinnen im deutschen Sprachraum mit aktuell mehr als 3000 Mitgliedern.
Seit 2009 zeichnet die Fachgruppe AOW-Psychologie alle zwei Jahre Personen aus, die in besonderer Weise durch einen innovativen Beitrag zum Fortschritt in der Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie beigetragen haben. Der diesjährige Preis wird im September 2019 bei der 11. Tagung der Fachgruppe verliehen und ist mit einem Preisgeld von 2000 Euro verbunden.
Kriterien für die Preiswürdigkeit sind:
• Neuartigkeit des Konzepts oder des Lösungsansatzes
• Neuartigkeit der gewonnenen Erkenntnisse
• Bedeutsamkeit aus internationaler Perspektive
• Beitrag zur gesellschaftlichen Reputation des Faches
• Praktische und gesellschaftliche Relevanz