Vortrag von Dr. Hans-Jürgen Urban

Freitag, 7. Mai 2021
Dr. Hans-Jürgen Urban, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und Privatdozent am Institut für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, als Gastreferent im Rahmen der Ringvorlesung "Zwischenrufe zur Sozialpolitik"
Dr. Hans-Juergen Urban copyright IG Metall
Dr. Hans-Jürgen Urban

In seinem Vortrag am 21. April 2021 referierte Dr. Hans-Jürgen Urban über die Aufgaben des Sozialstaates, die mit dem ökologischen Transformationsprozess einhergehen. Er definierte dabei den Begriff "Transformation" als eine Situation, in der zur gleichen Zeit grundlegende Umbruchprozesse in der Gesellschaft ineinandergreifen, die, je für sich genommen, bereits als Jahrhundertaufgabe bezeichnet werden können. Dazu zählen etwa die Phänomene der Digitalisierung, Globalisierung, Ökologisierung sowie die Veränderung subjektiver Lebensläufe.

Das Geschäftsführende Vorstandsmitglied der IG Metall skizzierte in seinem Vortrag die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Arbeitswelt. Dazu zählten wesentliche Änderungen im Gesundheits- und Arbeitsschutz, die zu einer erfolgreichen Prävention beigetragen haben. In diesem Zusammenhang kennzeichnete er das Homeoffice-Modell als wesentliches Element der Corona-Prävention, das als wichtiges Zukunftsthema von Ambivalenz geprägt ist. Während sich einige über eingesparte Arbeitswege und einen Gewinn an Lebenszeit freuen, verfügt nicht jeder über geeignete Homeoffice-Wohnverhältnisse.

Zugleich sorgt die Corona-Krise für eine massive Zunahme globaler Ungleichheit. Die eklatanten Ungleichheiten der Einkommen, Vermögen und Lebenschancen führen schließlich zu einer steigenden Polarisierung. Diese Ungleichheiten zeigen sich auch in der Verteilung des Umweltverbrauchs in der Welt, der ähnlich ungleich ist wie die Verteilung des Einkommens. Gleichzeitig wird sich in Zukunft die Frage stellen, wie die in der Corona-Krise entstandenen finanziellen Defizite des Sozialstaates ausgeglichen werden.

Herr Dr. Urban plädierte im Zuge dessen für eine Agenda politischer Interventionen – eine Transformationsagenda – die sich an vier Politikzielen orientiert: 
1. Beschäftigungssicherung im Sinne von guter Arbeit,
2. Verteilungsgerechtigkeit im Sinne der Korrektur von Polarisierung,
3. Nachhaltigkeit im Sinne der ökologischen Transformation, um die Produktion und Konsum mit den Naturnotwendigkeiten in Einklang zu bringen sowie
4. (Wirtschafts-)Demokratie, verbunden mit der Behauptung, dass Märkte und Ordnungspolitik alleine diese Ziele nicht werden erreichen können.

Zur Erreichung dieser Ziele forderte Herr Dr. Urban staatliche Reformprojekte, die einen zukunftsfähigen Sozialstaat mit öffentlichen Investitionen, eine aktive Beschäftigungs- und Arbeitsmarktpolitik sowie eine sozial-ökologische Transformation umfassen.

Dr. Hans Jürgen Urban: Der Sozialstaat in der ökologischen Transformation. Defizite und Anforderungen
Sprachrohr

                             

 

 

             „Zwischenrufe zur Sozialpolitik“

Unter dem Titel "Zwischenrufe zur Sozialpolitik" startete im Sommer 2018 eine semesterübergreifende Ringvorlesung, die Ideen und Impulse zur Sozialpolitik diskutiert. Ob Bürgerversicherung, bedingungsloses Grundeinkommen oder digitale Innovationen – alle sozialpolitischen Ideen und Entwicklungen mit weitreichenden potenziellen Auswirkungen kommen auf den Prüfstand. Scharfsichtige Analysen, innovative Reformvorschläge und theoretische Reflexionen zur Sozialpolitik finden hier einen Raum und ergänzen das Curriculum des neuen Bachelorstudiengangs "Nachhaltige Sozialpolitik". Abseits gängiger institutioneller Abhängigkeiten und festgefahrener sozialpolitischer Kontroversen, werden neue und unkonventionelle gesellschaftspolitische Perspektiven eröffnet und diskutiert.