Centrum für Entrepreneurship, Innovation und Mittelstand
Forschen-Gründen-Life-Balance
Lena Recki, Mit-Gründerin von mobilityHQ, promoviert und unterstützt Kommunen im Mobilitätsmanagement
Wer bist du und woran arbeitest du aktuell?
Mein Name ist Lena Recki. Ich bin Promotionsstudentin und am Institut für Verbraucherinformatik in verschiedenen Forschungsprojekten tätig. Parallel dazu bin ich Gründerin und Geschäftsführerin unserer Ausgründung mobilityHQ GmbH.
Was war der Auslöser für dich, dich selbstständig zu machen?
Ehrlich gesagt war das vor allem die Frage: Wie kann ich mir neben der Wissenschaft noch eine weitere Perspektive aufbauen? Die Zeit an der Hochschule ist nach einer Promotion oft begrenzt. Dazu kam, dass wir am Institut ein super Team gefunden hatten und nach einem Weg gesucht haben, genau in dieser Konstellation weiter zusammenzuarbeiten.
Welchen Impact möchtest du mit deiner Arbeit erzielen?
Ich möchte zeigen, dass es sich lohnt, das Risiko einer Gründung einzugehen, auch wenn es auf den ersten Blick nach viel aussieht: Promotion, Ausgründung, Privatleben und vielleicht auch noch Elternzeit. Wenn man Menschen hat, auf die man sich verlassen kann, dann funktioniert das.
Fangen wir vorne an: Ihr habt aus einem Forschungsprojekt heraus gegründet. Wann wusstest ihr: „Okay, daraus kann man wirklich ein Business machen“?
Der initiale Auslöser war die Gründung des Instituts für Verbraucherinformatik. Dort haben wir gemerkt, dass die Zusammenarbeit im Team wahnsinnig gut funktioniert, unsere Zeit im Projekt aber begrenzt ist. Wir haben dann überlegt, wie es weitergehen kann, aber die konkrete Produktidee hat zunächst noch gefehlt. Die kam uns dann durch das Forschungsprojekt MIAAS zum Thema Mobilitätsdaten. Die Kommunen und Städte haben uns direkt gefragt: „Das ist so relevant für uns, wie können wir das kaufen?“ Da wussten wir: Wir haben das Team, wir wollen zusammenbleiben und jetzt haben wir auch noch einen echten Bedarf aus der Praxis, den Moment müssen wir nutzen. Das ging dann alles super schnell. Innerhalb von vier Monaten saßen wir beim Notar, ich im neunten Monat schwanger, und haben die GmbH gegründet. Das hat nur funktioniert, weil wir im Team schon alles an Bord hatten, von der rechtlichen Expertise bis zur Entwicklung.
Wie lange habt ihr vorher schon zusammengearbeitet, bevor es dann in die Gründung ging?
Bestimmt vier oder fünf Jahre. Wir wussten also, dass wir als Team funktionieren und wir sind interdisziplinär aufgestellt. Es wäre einfach schade gewesen, wenn sich diese Gruppe aufgelöst hätte und jede:r einzeln in die Wirtschaft gegangen wäre, obwohl wir als Team gerade so einen Lauf hatten.
Gegründet habt ihr 2024, also etwa vor zwei Jahren. Was war seitdem der wichtigste Schritt bei der Skalierung?
Zuerst mussten wir die Rechte und Pflichten aus dem Forschungsprojekt klären und haben das Produkt nochmal neu aufgesetzt. Aber der wirklich kritische Punkt war: Wie überzeugen wir die ersten Kommunen von uns? In der Wissenschaft hat man zwar Expertise, aber als frisches Start-up fehlen erstmal die Zertifizierungen und Referenzen. Da hat uns unser Netzwerk extrem geholfen. Wenn man erst mal zwei oder drei Städte als Kunden hat, wissen die anderen: „Okay, das sind keine Anfänger, die wissen, was sie tun.“ Das hat uns total in die Karten gespielt. Ansonsten hatten wir das Glück, dass die Anfangsphase bei uns weniger risikobehaftet war, weil unser Produkt keinen großen Investitionsbedarf hat, zumindest im Vergleich zu vielen anderen Start-ups. Wir hatten alle Kompetenzen im Team und mussten wenig extern einkaufen, um loszulegen.
Eure Kundinnen sind Städte und Kommunen, keine ganz einfache Zielgruppe. Gab es mal Feedback von euren Kundinnen, das eure Planung komplett über den Haufen geworfen hat?
Spannende Frage! Tatsächlich kam das weniger von den Städten selbst, die haben den Bedarf für unser Produkt definitiv erkannt. Kritischeres Feedback kam eher bei Start-up-Wettbewerben. Für Leute, die Start-up-Innovationen bewerten, ist unser Thema oft nicht „sexy“ genug. Ein neues Medizinprodukt hat einen viel greifbareren Impact für Privatpersonen als eine Software für Mobilitätsmanager:innen. Wir mussten erst lernen, unseren Mehrwert plakativer zu vermitteln. Wir nehmen jetzt immer das Beispiel der E-Scooter auf dem Gehweg, das versteht jeder. In der Nische selbst wird unsere Daseinsberechtigung nie hinterfragt, aber nach außen mussten wir unser Geschäftsmodell erst einmal übersetzen lernen.
„Auch wenn Gründung auf den ersten Blick nach viel aussieht; wenn man Leute hat, auf die man sich verlassen kann, dann kann es funktionieren. ”
Lena Recki - Mit-Gründerin von mobilityHQ
Du bist wissenschaftliche Mitarbeiterin, Promotionsstudentin und jetzt auch Gründerin und Geschäftsführerin, vereinst also viele Rollen unter einem Hut. Wenn du Wissenschaft und Gründung betrachtest, wo siehst du Parallelen und wo sind Unterschiede?
Bei der Promotion und der Gründung gibt es vor allem zwei große Gemeinsamkeiten: Eigenverantwortung und Disziplin. Man ist selbst dafür verantwortlich, wie man sich die Zeit einteilt, egal ob man ein Paper schreibt oder einen Förderantrag einreicht. Und man braucht bei beidem auch ein Quäntchen Glück. In der Wissenschaft wirst du durch Paper bewertet, beim Gründen durch Wettbewerbe oder Anträge. Es kommt immer darauf an: Wer sitzt auf der anderen Seite und wie sehr „catcht“ dein Thema die Person?
Der größte Unterschied ist die Sicherheit. An der Hochschule hast du einen festen Arbeitsvertrag und klar definierte Aufgaben. In der Gründung hast du null Sicherheit. Wenn der Kunde nicht kommt, ist die Finanzierung schwierig. Gleichzeitig ist aber auch die Perspektive in der Wissenschaft oft befristet. In der Gründung hast du mehr Gestaltungsspielraum und bist selbst verantwortlich für deinen Erfolg.
Apropros Sicherheit: Du hast vorhin die Gründung im neunten Monat erwähnt. Wie hast du das persönlich erlebt? Hat die Schwangerschaft deinen Blick auf das Risiko verändert?
Man bekommt schon suggeriert, ob eine Gründung kurz vor der Geburt wirklich der richtige Zeitpunkt ist. Aber genau da hat mir das Team den nötigen Mut und die Sicherheit gegeben. Es war gar keine Frage, dass die anderen in der Zeit, in der ich körperlich erst mal raus war, alles übernehmen und mich trotzdem voll einbeziehen. Dieser Vertrauensvorschuss war wahnsinnig viel wert. Trotzdem würde ich mich jetzt nicht als das perfekte Rollenvorbild hinstellen, das „alles gleichzeitig“ schafft. Das geht wirklich nur, wenn das Umfeld stimmt und die richtigen Personen da sind, die einen auffangen.
Wenn wir bei den Personen bleiben: Ihr seid zu siebt, also ein sehr großes Gründungsteam – im Durchschnitt gründen Teams zu zweit oder dritt. Wie trefft ihr Entscheidungen? Ist es manchmal schwierig so viele Köpfe im Gründungsteam zu haben oder vielmehr eine Chance?
Dadurch, dass wir alle uns kannten, war die Gründung zu siebt für uns nicht das große Risiko, weil wir wussten, wer welche Kompetenz mit einbringt. Von Anfang an war klar: Wenn unsere Anwälte eine rechtliche Empfehlung geben, dann folgen wir dieser. Wenn die Entwickler sagen, dass wir das Tool auf eine bestimmte Weise bauen sollten, dann vertrauen wir darauf. Nur weil bei mir „Geschäftsführerin“ draufsteht, heißt das nicht, dass ich bestimme. Wir vertrauen uns da gegenseitig. Das große Team ist für uns eher eine Chance, weil wir verschiedene Perspektiven haben, von risikofreudig bis risikoscheu. Am Ende finden wir so immer die stabilste Lösung.
War auch von Anfang an klar, dass wirklich alle sieben gründen und nicht nur zwei oder drei?
Ja, das war gesetzt. Wir wussten, dass die Zusammenarbeit läuft, warum sollte das im Unternehmen anders sein? Es macht uns auch flexibler. Wir können die Arbeit auf viele Köpfe verteilen und das Unternehmen zunächst nebenberuflich aufbauen. Für mich war es aufgrund der anstehenden Elternzeit sonst auch nicht möglich. Außerdem waren wir nicht sofort darauf angewiesen, uns vollständig über das Unternehmen zu finanzieren. Die Sicherheit der Anstellung im Rücken zu haben, war für uns eine komfortable Ausgangslage.
Ist denn der Plan, weiterhin zweigleisig zu fahren?
Absolut. Genau diese Kombination macht es für uns aktuell so attraktiv. Wir wollen die Zelte an der Hochschule gar nicht abbrechen. Gerade die Verbindung aus Wissenschaft, Forschung und praktischer Anwendung im Unternehmen ist unser großer Mehrwert. Wir können Erkenntnisse aus der Forschung validieren und gleichzeitig über das Unternehmen direkt in die Praxis bringen.
Was unterschätzen Außenstehende beim Gründen am meisten?
Ich wiederhole mich da gerne: Die Wichtigkeit des Teams. Die ganze Arbeit auf nur zwei Personen zu verteilen, wäre bei uns nebenberuflich gar nicht möglich gewesen. Ein großes Team entlastet auch privat enorm. Man muss nicht sieben Tage die Woche rund um die Uhr durcharbeiten, weil immer jemand da ist, der mitzieht.
Ihr habt den Start-up-Cup 2025 gewonnen und wart auch bei der Impact Pitch Night dabei, hattet also schon mehrere Anknüpfungspunkte zur Start-up-Manufaktur. Welche Rolle hat das Gründungszentrum gespielt und wem würdet ihr die Zusammenarbeit empfehlen?
Der Start-up-Cup war für uns eine total spannende Erfahrung, um mal Feedback von einer „Nicht-Zielgruppe“ zu bekommen. Dadurch mussten wir unser Profil schärfen und überlegen: Wie werden wir attraktiver für den Markt? Ich kann die Zusammenarbeit jedem empfehlen, egal in welchem Status man ist. Es ist ein riesiger Vorteil, jemanden an der Hochschule zu haben, den man einfach alles fragen kann, ohne direkt Kapazitäten einkaufen zu müssen.
Was ist der nächste große Meilenstein für mobilityHQ?
Wir haben gerade die erste positive Begutachtung von „Grüne Gründungen.NRW“ erhalten und jetzt den Vollantrag eingereicht. Wenn das Projekt im August startet, ist das ein riesiger Meilenstein für uns. Das gibt uns über drei Jahre hinweg die Zeit und die Ressourcen, unseren Prototypen weiterzuentwickeln und uns noch besser am Markt zu positionieren.
Über mobilityHQ
Kontakt
Karoline Noth
Projektleiterin SoNaR, @ Start-up-Manufaktur - das Gründungszentrum der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg
Standort
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Raum
H 306
Adresse
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53359, Rheinbach
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